Die Römer marschierten durch die Werra

Archäologen machen sensationelle Funde im einzigen niedersächsischen Römerlager in der Nähe von Göttingen

Hedemünden
(pid). Archäologen haben bei der Erforschung des erst vor einem Jahr entdeckten römischen Militärlagers bei Hedemünden (Kreis Göttingen) eine Reihe von sensationellen Funden gemacht. Insgesamt habe man mittlerweile mehr als 630 Objekte geborgen, sagte am Freitag der Göttinger Kreisarchäologe Klaus Grote. Mindestens 300 von ihnen stammten nachweislich von den Römern, bei 150 weiteren Objekten sei es stark zu vermuten. Der Fundort in einem Waldgebiet bei Hedemünden ist das erste nachgewiesene Militärlager der Römer in Niedersachsen. Es stammt aus der Zeit von Kaiser Augustus.
Die Experten gehen davon aus, dass römische Soldaten sich vermutlich in der Zeit zwischen dem Jahr 9 vor und dem Jahr 9 nach Christi Geburt in dem Lager bei Hedemünden aufgehalten haben. Zu dieser Zeit versuchte Drusus, Feldherr und Stiefsohn des Kaisers Augustus, von Mainz kommend bis zur Elbe vorzustoßen, um Germanien dem römischen Reich einzuverleiben.
Die Archäologen wissen jetzt auch genau, an welcher Stelle damals die römischen Legionäre auf ihrem Weg nach Osten die Werra überquert haben. An dieser Stelle sei der Fluss damals nur 30 bis 50 Zentimeter tief gewesen, berichtete Grote. Die alte Werrafurt lag unmittelbar am Hangfuß des Lagers.
Die Archäologen fanden unter anderem Trensen, Geschirr für Maultiere und Wagenteile. Außerdem bargen sie Pfeil- und Lanzenspitzen, Katapultbolzen, Teile von Schwertern, diverse Werkzeuge wie Hammer und Schaufeln, Zeltheringe sowie zahlreiche Sandalennägel. Einige dieser Fundstücke seien nicht nur deutschlandweit einzigartig, sagte Grote.
Schneller als die Archäologen waren allerdings die Raubgräber. Diese hatten das Lager bereits vorher entdeckt und zahlreiche Hinterlassenschaften der Römer mitgenommen. Die illegalen Sammler hätten es vor allem auf Bronze-, Kupfer-, Blei- und Silberobjekte abgesehen, sagte der Kreisarchäologe.

Zeitungsartikel HAZ 12.02.2005




Römerlager Hedemünden Stolz zeigt Kreisarchäologe Klaus Grote Reste einer Pionierschaufel und eine Lanzenspitze aus dem Römerlager in der Nähe von Göttingen. dpa

Auf den Spuren einer verschollenen Stadt

Studenten und Ein-Euro-Jobber legen Nienover frei / Archäologen geht das Geld aus

Von Saskia Döhner
Nienover. Die verschwundene Stadt Nienover (Kreis Northeim) kommt nach mehr als 700 Jahren wieder ans Licht. Seit zehn Jahren graben Archäologen auf einem Feld im Solling und haben mittlerweile so viele Keramikreste, Brunnen und Häuserfundamente freigelegt, dass sie ein lebendiges Bild jenes wohlhabenden Ortes zeichnen können. Nach einem rasanten Aufstieg war er von den Welfen dem Erdboden gleichgemacht worden.
Michael Beyerlein kniet auf einer grünen Isomatte und trägt mit einer angeschliffenen Mörtelkelle behutsam Erde ab. Stück für Stück legt der 41-jährige ehemalige Arbeitslose aus Lauenförde (Kreis Holzminden) Reste einer verschütteten romanischen Kirche frei.
Das 30 Meter lange und neun Meter breite Gotteshaus bei Winnefeld wäre wohl immer noch unter Waldboden verborgen, wenn nicht der Göttinger Archäologie-Professor Hans-Georg Stephan die nahe gelegene Mittelalter-Metropole Nienover entdeckt hätte. Historiker waren eher zufällig in einem Lehnsverzeichnis der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg aus dem Jahr 1318 auf den Begriff „Civitas Nienover“ gestoßen. Stephan, an verschollenen Städten interessiert, wurde hellhörig.
Erst kurz zuvor hatte er beim Kloster Corvey (nahe Höxter) die Reste einer mittelalterlichen Siedlung gefunden. Dass Handwerker sich auch im Schutz des rund 20 Kilometer entfernten Schlosses Nienover niedergelassen hatten, erschien naheliegend. Seine Vermutungen bestätigten sich: Im Frühjahr 1995 wurden auf dem Plateau westlich des Schlosses grob zurechtgehauene Steine und Gebäuderelikte aus dem 12. Jahrhundert gefunden.
Zu seiner Blütezeit war Nienover mit rund 1200 Einwohnern genauso groß und bedeutend wie damals Göttingen. Mehr als 100 Gebäude gab es auf dem acht Hektar umfassenden Gelände. Wie am Reißbrett geplant, lagen die reetgedeckten Fachwerkhäuser an drei parallel verlaufenden Straßen. Eine Art Mini-Manhattan des Mittelalters.
Freigelegte Schmelzöfen belegen, dass die Bewohner dieses dort vorkommende Erz verarbeiteten. Rüstungen, Lanzen und Schwerter, aber auch Schmuck und Wagenräder konnten über die nahe gelegene Weser gut transportiert werden. Nienover hatte zudem eine starke Textilindustrie. Immer wieder stoßen die Forscher auf Spindeln. Vor kurzem fanden sie in einem Haus gleich drei Wasserstellen, einen vier Meter tiefen Steinbrunnen und zwei weitere Holzbrunnen – für Stephan ein eindeutiger Beleg dafür, dass hier Bier gebraut wurde.




Grabungsgelände Nienover Nahe der einstigen Stadt Nienover legen die Archäologen auch Nachbarsiedlungen frei. Hier sind die Umfassungsmauern der verschütteten Kirche Winnefeld zu sehen. (Foto: Heuer - HAZ)

Die Stadt ging unter, weil die Gründungsväter von Nienover, die Grafen von Dassel, Stauferfreunde waren. Und die Staufer lagen mit den Welfen im Dauerstreit. Um 1270 wurde Nienover von den Welfen völlig zerstört.
Heute ist es eine der wichtigsten archäologischen Neuentdeckungen, denn erstmals haben die Wissenschaftler die Gelegenheit, eine ganze Stadt und nicht nur einzelne Gebäude freizulegen. Im Zuge der Ausgrabungen kommen allmählich auch Nachbarsiedlungen wieder zum Vorschein. In diesem Jahr wird erstmals nicht nur in Nienover, sondern auch im drei Kilometer entfernten Schmeesen und in Winnefeld gegraben.
Stephan, der mittlerweile in Halle (Sachsen-Anhalt) lehrt, ist noch immer mit Herzblut dabei. So wie die 35 Studenten aus Japan, Polen, Tschechien und Deutschland. Vor zwei Jahren konnten noch mehr als doppelt so viele beschäftigt werden, aber das Geld wird knapp. Förderung kommt nur von der Deutschen Forschungsgesellschaft. Ohne privates Engagement wäre längst Gras über die letzten Steine von Nienover gewachsen. Der vom Hobbyhistoriker Jürgen Koch ins Leben gerufene Verein „Kultur- und naturhistorischer Dreiländerbund Weserbergland“ übernimmt Kost und Logis für die Studenten.
Und er bezahlt 30 ehemalige Arbeitslose. „Ohne Ein-Euro-Jobber ginge gar nichts mehr“, sagt Stephan. Die sind mit genauso viel Elan dabei wie die Studenten. Der 56-jährigen Franz Weikl aus Fürstenberg (Kreis Holzminden) schaufelt Erde auf eine Schubkarre. Acht Jahre war der gelernte Waldarbeiter arbeitslos, jetzt darf er endlich wieder anpacken.
Die Reste von gut 25 Häusern haben die Forscher in Nienover gefunden, aber sie suchen immer noch nach der Kirche von Nienover. Am Schloss dürfen sie nicht graben. Denn das gehört dem Land und soll verkauft werden. „Wir verhandeln gerade mit einem Investor“, heißt es im Finanzministerium. Die Rede ist davon, dass das Schloss zu einem Tagungshotel werden soll. Zurzeit steht das Gebäude leer, früher durften hier die Studenten schlafen. Jetzt gibt es für die Grabungsteilnehmer nicht einmal Strom oder Wasser.

Bericht Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 06.08.2005




So könnte eines der Nienover-Häuser ausgesehen haben. (HAZ)