Neues vom Angrivarier-Wall

Unveränderter Abdruck aus: Berichte zur Denkmalpflege 3/97, S. 138-141.
Mit drei neuen Anmerkungen im Anhang

von Heinz-Dieter Freese

Seit fünf Jahren suchen Archäologen an der Mittelweser vom Flugzeug aus nach archäologischen Bodendenkmälern. Die Piloten des Nienburger Luftsportvereins in Holzbalge unterstützen diese spezielle Art von Denkmalpflege: „Die Archäologie aus der Luft.“ Im Hochsommer 1995 entdeckten die Flieger bei Wasserstraße/Ldkr. Minden-Lübbecke eine historische Befestigungsanlage aus den niederländischen Erbfolgekriegen.

Für den schnellen Verfall von Bodendenkmälern liefert die südliche Landesgrenze zwischen Leese/Lkdr. Nienburg, und Wasserstraße/Ldkr. Minden, ein gutes Beispiel. Vor gut 120 Jahren waren an dieser Stelle noch bedeutende Erdwerke zu sehen. In der Zeitschrift des Historischen Vereins für Niedersachsen von 1871 beschreibt ein Studienrat Müller die Wallanlagen so: „Die Wesermarsch südlich von Stolzenau und östlich von Schlüsselburg am rechten Weserufer, ehemals das alte Weserbett mit dem Bollsee, heißt mit ihrem südlichen Theile Schmähe Brok (d. i. Schmiedebruch), nördlich Lüttje Masch. Grade dem nordöstlichen Ende des Bollsees gegenüber auf dem alten Weserufer beginnen die „alten Linien“, die sich vom Nordwesten nach Südosten über die Bollheide hinziehen. (…) Der in Frage stehende Wall läuft in grader Linie von NW nach SO, er beginnt am Bollsee und endet dicht vor der Chaussee von Leese nach Loccum, jenseits welcher Sumpfland und Moor sich bis nach Rehburg und bis zum Steinhuder Meer erstreckt. An der Südseite des Walls liegt ein Graben, gegenwärtig nur 0,87 Mtr. (3 F.) tief, auf der Sohle etwa 1,75 Mtr. (6 F.) und zwischen den oberen Rändern 2,92 Mtr. (10F.) breit; der Wallaufwurf misst durchschnittlich 0,87 Mtr. (3 F.) Höhe, ist an der Basis 4,38 Mtr. (15 F.) und auf der Krone 2,92 Mtr. (10 F.) breit. (…) Die Länge der alten Linien beträgt etwa eine halbe Stunde. (…) Neben den sog. alten Linien, (…), habe ich aber neuerdings bei der wiederholten Untersuchung der Oertlichkeit noch eine zweite Vertheidigungslinie aufgefunden. (…) Diese zweite Linie liegt hier von der oben beschriebenen, die am Bollsee beginnt, südlich und etwa 5 Minuten entfernt. (…) Dieselbe besteht hier aus einem doppelten Aufwurfe mit doppelten Gräben, die an der Südseite liegen. Die Stärke des nördlichen Walles beträgt an der Basis etwa 6,42 Mtr. (22 F.), die Höhe 0,87 Mtr. (3 F.), die Abdachung bis zur Grabensohle 4,67 Mtr. (16 F.), die Breite der letzteren 1,75 Mtr. (6 F.) und die Breite des Grabens zwischen den oberen Rändern 3,50 bis 3,79 Mtr. (12 bis 13 F.). Etwa 2,92 Mtr. (10 F.) von diesem entfernt zieht sich im Süden parallel der zweite Aufwurf hin, der ungefähr gleicher Stärke, 0,87 Mtr. (3 F.) Höhe, 3,50 Mtr. (12 F.) Abdachung bis zur Grabensohle, Breite der letzteren 1,16 Mtr. (4 F.), Distanz der Grabenränder 2,33 bis 2,62 Mtr. (8 bis 9 F.).“

Die hier so sorgfältig beschriebenen Verteidigungsanlagen sind heute vollständig eingeebnet und im Gelände nicht mehr aufzufinden. Forschungsgeschichtlich sollten sie allerdings nicht in Vergessenheit geraten, denn vermutlich legten sie im 19. Jahrhundert den Grund zu dem Forschungsansatz, hier zwischen Leese und Loccum das von Tacitus beschriebene Schlachtfeld des Jahres 16 n. Chr. zwischen Römern und Germanen zu suchen. Dabei sprach Tacitus in seinen Annalen von einem Grenzwall „agger Angrivariorum“, der das Land der Angrivarier und Cherusker voneinander trennte und den die Römer im Verlaufe der Schlacht vergeblich berannten. Im Jahre 1870 noch hatte Müller in der Zeitschrift des Historischen Vereins ohne einen Schatten von Zweifel dargelegt, daß die „alte Verteidigungslinie“ identisch sei mit dem gesuchten „agger Angrivariorum“. Er schreibt: „Das Charakteristische indessen war Folgendes. In der Linie des Walles befanden sich wie Bastionen in unregelmäßigen Intervallen (zwischen 200 – 300 Fuß) einzelne Vorsprünge, kleine Aufwürfe von geringem Flächeninhalte (etwa 8 Ruthen in Quadrat) und mit niedrigen Brustwehren, welche Vorsprünge, zugleich höher als der Wall selbst, aus der Linie desselben nach außen (rechts) stark hervortraten.“ Anmerkung 1 Vermutlich stützte Müller diese Aussagen nur auf schriftliche Quellen und war zuvor nie an Ort und Stelle. Denn ein Jahr später, 1871, kommt er aufgrund eigener Anschauung zu einem ganz anderen Schluss: „ob die Schlacht gerade auf der Leeser Ebene oder nicht etwa weiter nördlich oder südlicher stattfand, bleibt denn doch ungewiss, da das von Bessell benutzte Argument des Angrivarierwalles, „dessen noch heute existierende Ueberbleibsel die Lage des Schlachtfeldes über allen Zweifel erheben“, nach meinen neuesten Untersuchungen nicht zu halten ist … Übersehen wir nun das über die Schanzen zwischen Loccum, Leese und Schlüsselburg bisher Mitgetheilte, so ist es nicht zweifelhaft, ob wir in denselben die Reste des latus agger Angrivariorum vor uns haben, sondern wir können mit Bestimmtheit behaupten, dass diese Schanzen, die „alte Vertheidigungslinie“ der Papenschen Karte, nicht dazu gehören, dass sie aus einer weit spätern Zeit stammen.“ Soweit Müller 1870/1871.

Mindestens drei weitere Erdwälle wurden in den folgenden Jahrzehnten in und bei Leese als Überreste des Angrivarierwalles identifiziert und zum Teil angegraben. Der gewünschte Nachweis gelang jedoch nicht. Römische Hinterlassenschaften wurden bis heute auf keinem Acker gefunden. Wer aber hat nun die „Vertheidigungsanlagen“ errichtet, die die Forscher des 19. Jahrhunderts auf die falsche Spur zum Angrivarierwall lockten? Zumindest der nördliche Wall lässt sich mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Jahr 1673 datieren. Im Archiv des nahe gelegenen Klosters Loccum zeigt eine Landkarte aus dem Jahre 1700 in allen Einzelheiten eine sorgfältig angelegte Schanzanlage, die der Maler der Landkarte, Capitaine Ingenieur de Villiers, wohl noch relativ unversehrt und vollständig vor Augen hatte (Abb.2). Man erkennt Wälle und Bastionen, die sich vom Schmiedebruch in Richtung Loccum erstrecken. Und de Villiers benennt das ganze Erdwerk als „zellische tranchée“.

Eine Rückfrage bei dem Historiker Bernd-Wilhelm Linnemeier, Schlüsselburg, ergab, dass cellische Truppen im Jahre 1673 ein Lager bei Leese bezogen, um das Land ihres Herzogs Georg Wilhelm zu verteidigen. Denn Marschall Turenne, im Dienste des „Sonnenkönigs“ Ludwig XIV, hatte im Januar 1673 mit einem bedeutenden französischen Heer bei Wesel den Rhein überschritten und rückte nun über Münster und Minden nach Norden vor. So ist zu vermuten, dass die „zellische tranchée“ als Verteidigungswall gegen die Franzosen errichtet wurde, - lange vor den napoleonischen Kriegen. Zu einer Schlacht am „Angrivarierwall“ kam es jedoch nicht: Turenne zog sich zurück, die cellischen Truppen, wohl an die 6000 Mann, zogen ebenfalls ab in Richtung Elsaß.

Zehn Jahre später, 1683, bezogen hannoversche Truppen, 10000 Mann stark, nochmals Stellung an der „zellischen tranchée“, weil man abermals einen französischen Angriff befürchtete. Danach, etwa seit dem 7jährigen Krieg, wurden Schanzwerke wie die „tranchée“ nicht mehr errichtet. Diese Wehrtechnik war veraltet. Erstaunlich, dass die Forscher des 19. Jahrhunderts hier römische Relikte vor sich sahen, obwohl die typischen Bastionen sich deutlich abzeichneten. Auf der Landkarte von 1700 finden sich nun keine Spuren der zweiten Wallanlage mit mehreren Gräben, die Müller beschrieb. Er hielt sie für ein flüchtig ausgehobenes Erdwerk, das bei den zahlreichen Truppendurchzügen im Dreißigjährigen Krieg entstand. Einen solchen Durchzug beschreibt der Loccumer Abt Theodor Stracke:

„Anno 1625, den 22 Junij, ist des Königs von Dennemark beneben etzlichen fursten und herren, und vieler stette beystandt, mith vielem Volk, beide Reuter und Knechte, für Locken ubergezogen, der Köninck ist selber gekomen von der Stoltzenaw uff die Lockerheide, und hatt alda daß gantze volck gemustert, daß furuberziehen fur Locken hatt geweret von 10 Uhren vormittage, biß uffen abent zu 4 Uhren, daß fußvolk ist funffman dicke getzogen, die Reuters 4 man dicke.“ Ein Nachweis für die Entstehungszeit der zweiten Schanzanlage im 17. Jahrhundert konnte bisher allerdings nicht erbracht werden.

Neben ihrer Funktion als Begründer der Angrivarierwall-Theorie haben beide Objekte in den vergangenen Jahren eine neue archäologischen Forschung übernommen: als Indiz für Luftbildprospektion im Mittelwesergebiet. Vom Flugplatz Holzbalge, Ldkr. Nienburg, begeben sich Pilot Rolf Meinking und der Verfasser mehrmals jährlich auf die Suche nach Bodendenkmälern. Sie kontrollieren dabei vorwiegend das Gebiet links und rechts der Weser zwischen Minden und Bremen. Im Winter und Frühjahr richtet sich ihr Augenmerk vornehmlich auf Grabhügel, die sich als helle Verfärbungen im Acker zeigen. Im Sommer geben Bewuchsunterschiede im Getreide wichtige Hinweise auf Bodendenkmäler. Dabei war die Bodendenkmalpflege in Niedersachsen lange Zeit recht zögerlich in der Nutzung der Prospektion aus der Luft. Vor allem stand infrage, ob unsere leichten, homogenen Sandböden überhaupt Bewuchsmerkmale im Getreide zulassen würden. So boten die bekannten „alten Verteidigungslinien“ zwischen Leese und Wasserstraße ein willkommenes Flugziel, um Chancen und Möglichkeiten der Luftbildprospektion über Sandböden auszuloten. Handelt es sich doch bei den Böden um Wasserstraßen von bis zu 20 Meter starken sandigen bis kiesigen Schwemmablagerungen der Quartärzeit. Beflogen wurde das Gebiet zunächst im Frühjahr. Dabei sollte geklärt werden, ob sich die ehemaligen Schanzen noch durch Bodenverfärbungen von ihrer Umgebung abheben, wie es Müller im Jahre 1871 beobachtete: (Die alten Linien)“ sind auch in einem … Neubruch noch erkennbar durch den hellen Sand, womit sie aufgeschüttet waren und welcher deutlich von der dunkleren Ackererde absticht;…“ 125 Jahre später zeigt die Ackeroberfläche im fraglichen Gebiet jedoch nirgendwo mehr eine Farbveränderung. Umso mehr freute sich das Luftbild-Team über die Ergebnisse der Befliegungen im Hochsommer 1995 und 1996. Deutlich hoben sich nun die Gräben der Schanzanlagen als Bewuchsveränderungen im Getreide ab.
Anmerkung 2

Die „zellische tranchée“ konnte in ihrer Linienführung an die 1600 m weit Richtung Loccum verfolgt werden, inclusive einer der Bastionen in dreieckiger Form mit der jeweiligen Seitenlänge von rund 20 Metern. Die südlichere Verteidigungsanlage mit ihren vier Gräben konnte bis jetzt auf einer Länge von 700 m nachgewiesen werden.

Damit steht fest, dass auch leichte Sandböden hervorragende Bewuchsmerkmale für die Prospektion aus der Luft bieten können.

Sollte der lang gesuchte Angrvarierwall allerdings nur aus einer Wallanlage ohne Graben bestanden haben, so dürfte es auch aus der Luft nicht möglich sein, ihn wieder aufzufinden. Das zeigt der schnelle Verfall der Schanzanlagen von Wasserstraße sehr deutlich. Anmerkung 3

Literatur

Carte très exacte de lábbaye de Lokkum, par de Villiers, Capitaine Ingenieur, 1700, Archiv des Klosters Loccum

Anschrift des Verfassers

Heinz-Dieter Freese
Dorfstr. 69
38524 Sassenburg
05378 267
E-Mail: Heinz-Dieter.Freese@gmx.de

Anmerkung 1. Bei Google-Earth erscheint eine dieser Bastionen unter folgenden Koordinaten: 52°29'2.23"N und 9° 7'2.12"E

Anmerkung 2. Das über Jahre gesammelte Fotomaterial zur Gemarkung Wasserstraße habe ich kostenlos der Bodendenkmalpflege in Nordrhein-Westfalen überlassen, ohne dafür jemals eine Reaktion, geschweige denn ein Dankeschön zu erhalten.

Anmerkung 3: Auch wenn sich gezeigt hat, dass die oben genannten Graben- und Wallsysteme jüngeren Datums sind, so halte ich es dennoch für sehr aussichtsreich, den antiken agger Angrivariorum hier an der Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zu suchen, weil sich die naturräumlichen Gegebenheiten in idealer Weise dafür anbieten, wie ja die Anlage der neuzeitlichen Schanzanlagen zeigt.

Danksagung
Frau Eva-Maria Borvitz, Triangel, danke ich herzlich dafür, dass Sie den Bericht von 1997 für das Internet nochmals abgetippt hat.




Foto Heinz-Dieter Freese

Kartenausschnitt TK 1:5000 und zellische tranchée Zur Vergrößerung bitte anklicken