Archäologisch-Bauhistorische Untersuchung ( Rulle)

Die Gnadenkapelle in Rulle, Ldkr. Osnabrück. Untersuchungen zur Baugeschichte.

Das Objekt
Die katholische Pfarrkirche St. Johannes Apostel und Evangelist, Conpatron St. Ulrich, in Rulle, Gde. Wallenhorst, Ldkr. Osnabrück, besteht aus drei verschiedenen, in einem gemeinsamen Komplex vereinten Bauten (Abbildung 1). Die heutige romanische Gnadenkapelle wurde ca. 1180 als einschiffige, dreijochige Pfarrkirche St. Ulrich errichtet und ist mit Kreuzgratgewölben und rundbogigen Gurtbögen, geradem Chorabschluss und quadratischem Westturm ausgestattet. Im Westen des Baugefüges befindet sich das Kapitelhaus des Zisterzienserinnenklosters aus dem frühen 13. Jahrhundert. 1300 bis 1344 entstand die gotische Klosterkirche in strengem Zisterzienserstil, eine einschiffige, dreijochige Saalkirche mit querrechteckigen Gewölben und –5/8-polygonalem Chorabschluss. Dieser wurde 1928-29 abgebrochen, um Platz für den Anbau einer großräumigen, dreischiffigen Hallenkirche mit Netzrippengewölbe, zwei Turmbekrönungen im Westen, polygonalem Chorabschluss sowie einer südlich anschließenden Sakristei zu schaffen. Die älteste Bausubstanz der gesamten Gebäudegruppe ist in der Wand zwischen der Gnadenkapelle und der ehemaligen Klosterkirche erhalten (Abbildung 3). Sie ist als südliche Stirnwand eines Steinwerkes zu deuten, das zu einem aus der Zeit vor dem Kirchenbau stammenden Meierhof der Grafen zu Tecklenburg gehörte.



Abbildung 1 und 3 (Zum Vergrößern anklicken)

Abb. 1 - Baualtersplan. Quelle: Aufmaß: Architekturbüro Theo Dwertmann, Cappeln Abb. 3 - Ansicht der Südwand der Ulrichskirche.
Quelle: B. Lauxtermann


Die Fragestellung
Die Gnadenkapelle galt bisher als der einzige im Originalzustand erhaltene Kirchenbau im Osnabrücker Land. Doch ihr auffallend asymmetrischer Innenraum ließ zunächst vermuten, dass die ursprüngliche Bausubstanz nachträglich stark verändert wurde. Im Jahr 2000 führte die Bauabteilung des Bischöflichen Generalvikariats des Bistums Osnabrück im Innenraum der Gnadenkapelle Ausgrabungen durch. Das Grabungsteam entdeckte dabei Fundamente weiterer Gebäude, Schuttschichten als Hinweise umfangreicher Baumaßnahmen sowie zahlreiche Funde (Abbildungen 6 - 9).



Abbildung 6 - 9 (Zum Vergrößern anklicken)

Abb. 6 - Bodenfliese mit vertiefter Prägung, Greifmotiv, vor 1319, Ziegel. Quelle: B. Lauxtermann Abb. 7 -Viertelschilling, 1515, Erich II., Herzog von Braunschweig – Gubenhagen, Bronze. Quelle: B. Lauxtermann Abb. 8 - Bronzeblech mit Vogelmotiv und Durchbohrung. Quelle: B. Lauxtermann Abb. 9 - Bemalte Kalkputzfragmente. Quelle: B. Lauxtermann


Die Masterarbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung nach der Baugeschichte der Gnadenkapelle: Welche Vorgängerbauten waren vorhanden und wie wurden sie in die nachfolgenden Bauphasen mit eingebunden? Aus welchen Baumaßnahmen resultiert das heutige Erscheinungsbild der Kapelle? Die Auswertung der Grabungsergebnisse lieferte eine Übersicht der heute noch im Boden vorhandenen Fundamentreste, welche die Bauabläufe und gestalterischen Veränderungen im Kirchenraum belegen (Abbildung 2). Anschließend erbrachte das tachymetrische Aufmaß der Gnadenkapelle Aufschlüsse über den räumlichen Zusammenhang zwischen den Baubefunden im Ober- und Untergeschoss sowie den ergrabenen Fundamenten (Abbildungen 4, 5).



Legende zu Abbildung 2

(Bitte auf die Abbildung rechts klicken)

1 Meierhof, Vorgängerbau des Steinwerks, 11. / 12. Jh.
2 Meierhof, Steinwerk und Fachwerkgebäude, 11. / 12. Jh.
3 Baugrube für das Fundament der romanischen Ulrichskirche, Mitte 12. Jh.
4 romanische Ulrichskirche mit Westturm und Laufhorizont, Mitte - Ende des 12. Jh.
5 gotische Klosterkirche, 1300 – 1344
6 Bodenbelag, ab Mitte des 16. Jh.
7 Mauerzüge / Treppenfundament ?, ab Mitte des 18. Jh.
8 Mauerzüge, Ende des 19. / Anfang des 20. Jh.
9 Baumaßnahmen, 1940
10 Heizungsschächte, 1986
11
undatierbare Gräber




Abb. 2 Die Grabungsbefunde in der Gnadenkapelle Quelle: B. Lauxtermann

Abbildung 4 - 5 (Zum Vergrößern anklicken)

Abb. 4 - Übereinandergelegte Grundrisse des Ober- und Untergeschosses von Steinwerk, Ulrichs- und Klosterkirche sowie die Grabungsbefunde.
Quelle: B. Lauxtermann
Abb. 5 - Südnord-Schnitt durch Steinwerk, Ulrich- und Klosterkirche.
Quelle: B. Lauxtermann


Die Ergebnisse
Der Ruller Meierhof der Grafen zu Tecklenburg bestand Ende des 11. / Anfang des 12. Jahrhunderts aus mehreren Fachwerk- und Steinbauten. Mit der Errichtung des nordsüd-ausgerichteten, romanisch gewölbten, mehrgeschossigen Steinwerkes wurde er weiter ausgebaut und befestigt.
Zum Bau der Ulrichskirche / Gnadenkapelle erfolgte, Mitte bis Ende des 12. Jahrhunderts, der Abriss eines großen Teils dieses Steinwerks, von dem nur der in der Südwand der neuen Kirche integrierte Südgiebel erhalten blieb. Auch mindestens zwei weitere Gebäude des Meierhofes fielen dieser Baumaßnahme zum Opfer.
Das Erscheinungsbild der Ulrichskirche wurde durch den Bau der gotischen Klosterkirche - Anfang bis Mitte des 14. Jahrhunderts - nicht verändert: alle Gewölbe zeigen noch heute den ursprünglichen romanischen Zustand.
Die unregelmäßige Ausformung des Grundrisses der Gnadenkapelle bezüglich der Nischen in der Südwand ist auf spätere Eingriffe in die Bausubstanz zurückzuführen. Im westlichen und mittleren Joch ist die Südwand des Steinwerks bis ca. 6 m unterhalb der Schildbögen der Kapelle entfernt und damit der Wandquerschnitt bis auf die Stärke der Nordwand der Klosterkirche reduziert worden. Das Fundament des Steinwerks wurde jedoch nicht komplett abgetragen, sondern konnte zusammen mit jüngeren Auffüllschichten im Grabungsbefund erfasst werden. Die ältesten dieser Schuttschichten datieren in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts und stehen möglicherweise mit der nachträglichen Reduzierung des Wandquerschnittes zwischen Ulrichs- und Klosterkirche in Verbindung.

Dipl.-Ausgabungsing. Britta Lauxtermann M.A.
Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege
Scharnhorststraße 1
30175 Hannover






Der Masterstudiengang Denkmalpflege – Heritage Conservation der Universität Bamberg und der Fachhochschule Coburg

Der obige Beitrag ist ein Auszug aus der Masterarbeit der Autorin im postgradualen Masterstudiengang Denkmalpflege – Heritage Conservation der Universität Bamberg und der Fachhochschule Coburg.
Der Studiengang vermittelt in einem in der Regel zweisemestrigen, interdisziplinären Lehrprogramm Aspekte der Fachgebiete Bau- und Kunstgeschichte, Denkmaltheorie, Bauforschung, Archäologie, Restaurierungswissenschaft, Sanierungstechnologie sowie Management und Recht mit ihren jeweiligen Anteilen für die Denkmalpflege.
Das Lehrprogramm ist in fünf Pflichtmodule gegliedert, die nach Sachgruppen geordnet sind. Modul 1 fasst die allgemeinen Grundlagen der Denkmalpflege zusammen (Bau- und Kunstdenkmalpflege; Bauforschung, -geschichte und -archäologie; Stadtbaugeschichte und Stadtarchäologie; Aufbau und Ausstattung des deutschen Bürgerhauses; Grundlagen, Materialien und Methoden der Konservierungswissenschaften; vor- und frühgeschichtliche, mittelalterliche und neuzeitliche Archäologie).
Das Modul 2 vermittelt die Methoden und Techniken der Denkmalpflege (Bauforschung und Bauaufmaß; historische Bauformen, -konstruktionen und Werkstoffe; restauratorische Bestandsaufnahme; Raumbuch; Sanierungstechnologie; Archäometrie und historische Grundwissenschaften).
Modul 3 befasst sich mit der Denkmalpflege in der Praxis (Denkmalpflege in Theorie und Praxis; Projektierung; archäologische, städtebauliche und Gartendenkmalpflege; werkgerechtes Planen und Bauen; ländliche Siedlungen und Haustypen).
Modul 4 hat Aspekte des Managements und Rechts in der Denkmalpflege zum Inhalt (Management, Recht und Verwaltung in der Denkmalpflege; Organisation und Aufgaben der Behörden; Formulieren und Texten).
Modul 5 ist den Intensivwochen gewidmet: externen Lehrveranstaltungen, z.T. in Form von Exkursionen, die jeweils eine Woche dauern und hauptsächlich im Sommersemester durchgeführt werden (Denkmalkunde / Inventarisation; Bauforschung; moderne Messmethoden; Dendrochronologie; Sanierungstechnologie; denkmalgerechtes Planen und Bauen; Restaurierungswissenschaft; Ortsanalysen; archäologische Lehrgrabung).
Im dritten Semester wird die schriftliche Masterarbeit verfasst, wofür drei Monate Zeit zur Verfügung stehen.