Menu

13.03.2016 - Treffen der Ehrenamtlichen Archäologen in Lauenhagen

Utz Böhner (boehner) on 13.03.2016

, zuletzt modifiziert von Gerd Lübbers am 30.11.2016 um 12:23:03
13.03.2016 - Treffen der Ehrenamtlichen Archäologen in Lauenhagen

Der Kommunalarchäologe der Schaumburger Landschaft, Dr. Jens Berthold, hatte neben den  Ehrenamtlich Beauftragten für die archäologische Denkmalpflege seines Zuständigkeitsbereiches auch weitere für die Archäologie ehrenamtlich tätige Freiwillige aus der Region zu einem Treffen eingeladen.

Treffen der Ehrenamtlichen Archäologen am 13.03.2016 in Lauenhagen

Der Kommunalarchäologe der Schaumburger Landschaft, Dr. Jens Berthold, hatte neben den Ehrenamtlich Beauftragten für die archäologische Denkmalpflege seines Zuständigkeitsbereiches auch weitere für die Archäologie ehrenamtlich tätige Freiwillige aus der Region zu einem Treffen eingeladen. Es fand in dem restaurierten und als Veranstaltungshaus genutzten Lauenhäger Bauernhaus, Hülshagen 10, 31714 Lauenhagen, Samtgemeinde Niedernwöhren im LK Schaumburg, statt. Diese Treffen finden seit 2012 regelmäßig jährlich an verschiedenen Orten statt und erfreuen sich eines recht großen Interesses; in diesem Jahr kamen 70-75 Teilnehmer!

Von 14 bis 18 Uhr wurden nachfolgend beschriebene Vorträge gehalten und der Kontakt zwischen haupt- und nebenamtlichen Archäologen und interessierten Gästen gepflegt.

Nach einleitenden Worten zur Begrüßung der Teilnehmer stellte Dr. Berthold zunächst die kürzlich aufgelegte Reihe „Schriften der Kommunalarchäologie Schaumburger Landschaft“, in der jetzt das Heft 2 zur Burg Wölpe erschienen ist, und übergreifende Führer zu Schaumburg und Nienburg vor: ein neuer Begleitband zur archäologischen Dauerausstellung im Museum Nienburg, eine Landeskunde der Landkreise Diepholz und Nienburg mit archäologischem Beitrag und einen neuen Band „An Weser und Leine“ (Nr. 59), der archäologisch-kulturhistorischen Serie des Theiss-Verlages.

Anschließend gab er einen „Archäologischen Jahresrückblick 2015 – Best offs und von allem etwas“. Zu den Grabungen des letzten Jahres gehörten vier Grabungsstellen an der Bundesstraße 65 zwischen Stadthagen und Beckedorf, deren größere durch die Grabungsfirma ArchaeoFirm bearbeitet wurde, die Lehrgrabung eines Megalithgrabes im Grinderwald östlich von Nienburg durch die Universität Hamburg, die Grabungen in der Ritterstraße und am Ostertorwall in Rinteln sowie weitere Grabungen in Leese und Stadthagen. Die Stadt Rinteln war Mitte 2014 der interkommunalen Zusammenarbeit mit der Kommunalarchäologie der Schaumburger Landschaft beigetreten, aber wegen einer Stadtkerngrabung 2015 wieder ausgetreten.

Ein durch Echolot in der Weser entdeckter „Schiffsfund“ erwies sich nach einer taucharchäologischen Nachsuche als Baumstamm. Außerdem waren Fundmeldungen von Sondengängern und aus Kiesgruben u.a.m. zu bearbeiten. Der Ausblick auf geplante Projekte lässt künftige Arbeitsschwerpunkte erkennen: Stromleitungstrassen „Südlink“ (bzw. Erdkabeltrassen von 25 m Breite), eine mögliche Salzpipeline der Fa. Kali & Salz von Nordhessen zur Nordsee sowie weiterer Kies- und Sandabbau bei Stolzenau-Müsleringen, daneben die archäologische Begutachtung geplanter Abbauflächen vor einer Genehmigung.

Klaus Gerken aus Neustadt/Rbge. berichtete im Vortrag „Neanderthaler und Mittelalter: Ein Faustkeil und viele Häuser in Lavelsloh“ über die bauvorgreifende Ausgrabung für den Neubau eines Supermarktes sowie Modehauses in Diepenau durch seine Grabungsfirma.  Auf 3800 qm fand sich nach dem Bodenabtrag ein sehr hohes Befundaufkommens (770 Befunde: viele Pfostengruben, Brunnen und ähnliche „Tiefbauten“, Leitungsgräben). Obwohl nur ein Teil der Befunde gänzlich ausgegraben werden musste, ehe tiefgründige Baumaßnahmen diese zerstört hätten, war der geplante Zeitrahmen für die Grabung nicht einzuhalten. Es wurden je zwei Hausgrundrisse und Speicherbauten ergraben, dazu wenigstens drei Holzkästen des hohen und späten Mittelalters, die in 1,50 m Tiefe auf einer wasserführenden Tonschicht standen (eventuell für einen Gerbereibetrieb oder ein anderes Gewerbe) und sich daher gut erhalten hatten. Insgesamt wurde sehr wenig Keramik gefunden, die vom hohen Mittelalter bis in die Neuzeit datiert. Ein überraschender Grabungsfund war ein Faustkeil aus der Zeit des Neandertalers, der etwa 50.000 Jahre alt ist und einen der sehr wenigen Siedlungsplätze dieser Zeit anzeigt. 

Oktavian Bartoszewski aus Nordstemmen stellte die von ihm mitherausgegebene Zeitschrift „Relikte der Geschichte - das Magazin für Sondengänger, Heimatforscher und Geschichtsinteressierte“  vor. Auf 60 Seiten wird in der bereits zweiten Ausgabe u.a. über Funde von Sondengängern und  Bodendenkmäler der jüngeren Geschichte, z.B. Bunkeranlagen des Zweiten Weltkriegs, berichtet und Museen vorstellt.  

Eine Pause mit Kaffee und Kuchen wurde zu ausführlichen Gesprächen unter den Besuchern und mit den Referenten genutzt, anschließend das Vortragsprogramm fortgesetzt.

Joachim Schween M.A., Archäologe und Ehrenamtlich Beauftragter für die Stadt Hameln,  berichtete über „Siedlungsreste der Eisenzeit am Bockskamp in Rinteln“. Die Grabung erbrachte Siedlungsreste der vorrömischen Eisenzeit mit mehr als 30 Befunden, überwiegend Gruben mit zahlreicher Keramik (mehrere Tausend Scherben von Gebrauchs- und Vorratsgefäßen), dazu Gruben mit Feuerspuren und Schlacken (Erzverhüttung).

Gundula Tessendorf, Museumspädagogin aus Nienburg und Gästeführerin auf dem sächsischen Gräberfeld von Liebenau, berichtete über die „Ausgrabung einer frühmittelalterlichen Siedlung in Liebenau“  im letzten Jahr. Langjährige Grabungen in den 50er bis 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hatten in der Nachbarschaft ein großes sächsisches Gräberfeld ergeben, zuletzt auch Reste einer vermutlich zugehörigen Siedlung (Grubenhäuser). Hier fand 2015 eine Lehrgrabung der Universität Göttingen, Seminar für Ur- und Frühgeschichte, mit Studierenden und ehrenamtlichen Helfern statt, auch aus dem Projekt „ehrenWert“ der Klosterkammer. Die dreiwöchige Grabung ergab durch Sandaufwehung konservierte Wegespuren über einer Kulturschicht, darunter fanden sich etliche Pfostenspuren und möglicherweise ein Grubenhaus. Zahlreiche Scherben und weitere Funde datieren die Siedlung in das 8. bis frühe 9. Jh. n. Chr. Fernziel aller Untersuchungen sei die Errichtung eines sächsischen Gehöftes.

Gerd Lübbers aus Hannover, Mitglied des Freundeskreises für Archäologie in Niedersachsen e.V., ergänzte die Ausführungen mit einem Hinweis auf einen Bericht über die Lehrgrabung im ausgelegten Mitteilungsblatt des Vereins, der FAN-Post 2016.

Erich Block aus Nienburg und Ehrenamtlich Beauftragter für die Stadt, referierte zum Thema „der älteste Steinbau auf dem Burghügel Wölpe“  die Geschichte der Grafen von Wölpe bei Nienburg seit dem 12. Jh. und die Forschungsgrabungen der Universität Regensburg mit Studierenden und freiwilligen Helfern des Arbeitskreises Burg Wölpe von 2011 bis 2015. Durch einen etwa 50 m langen Grabungsschnitt vom höchsten Punkt des Burghügels hangabwärts in die Niederung konnte der Aufbau der Turmhügelburg vom Typ „Motte“ geklärt werden. Im Hügel haben sich zwischen Gras- und Torfsoden mehrere Lagen von Holzbalken erhalten, auch am Fuß des Burghügels wurden waage- und senkrechte sowie schräge Holzbalken ausgegraben, vermutlich von einer Palisade, einer Wegebefestigung und zur Stabilisierung des Hügels. Die Eichenbalken erbrachten eine Jahrringdatierung um/nach 1107. Auf dem Burgplateau wurde eine Gebäudeecke aus massiven Steinlagen mit einem rechtwinklig angelegten Eingang ausgegraben.

Ronald Reimann aus Hohnhorst und Ehrenamtlich Beauftragter für den Landkreis Schaumburg berichtete über „Neufunde von der Posteburg bei Schmarrie“ südlich von Lauenau. Im landwirtschaftlich genutzten Ackergelände wurden 1992 die Hauptburg mit einem Gebäude von etwa 9 x 19 m Größe mit einer Grabung untersucht und wieder verfüllt. Wegen weiterer Gefährdung durch die Landwirtschaft hat Reimann in den letzten Jahren den Bereich der Haupt- und Vorburg regelmäßig abgesucht und stellt die Funde vor: Das Unterteil von einem bronzenen Grapengefäß und zahlreiche dazugehörige Fragmente, zwei Armbrustbolzen, verschiedene Eisengegenstände sowie Keramikscherben und Münzen aus der Zeit der Burgnutzung.

Anschließend berichtete er über seine Versuche zur „Feuersteinbearbeitung – ein Praxiskurs im Museum Bad Münder“. Flintknollen aus örtlichen Kiesgruben erwiesen sich wegen Rissbildung oder Wassereinschlusses als ungeeignet zur Herstellung von Klingen. Bei Flintknollen von der Ostsee war dies problemlos möglich, allerdings für ungeübte Personen sehr anstrengend.

Hermann Wessling aus Bad Münder erläuterte die Untersuchungen „einer neuzeitlichen Glashütte in Klein Süntel“, die seit einigen Jahren durch den Vereins Forum Glas e.V. erforscht wird. Zunächst haben geophysikalischen Untersuchungen 2012 die Reste der Betriebsgebäude der Glashütte (1620 bis 1886) im Boden geortet. Nach vorbereitenden Gesprächen mit dem NLD, der Unteren Denkmalschutzbehörde und Glasforschungsvereinigungen zur Begutachtung und Genehmigung weiterer Maßnahmen wurden erfolgreich Förderanträge bei der Bingo-Stiftung und der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gestellt.

Anschließend konnten 2014 und 2015 Grabungen mit Studierenden der Cranfield University Shrivenham, England, unter Leitung des Dozenten Roland Wessling durchgeführt und Mauerreste eines Betriebsgebäudes freigelegt werden. Ein Symposium mit Glasforschern erbrachte ein erneutes Gutachten zum weiteren Denkmalschutz und weitere Stiftungsförderung für Grabungen. Interessierte wurden eingeladen, ehrenamtlich an der nächsten Grabung mitzuhelfen.

Zum Abschluss des Treffens dankte Dr. Berthold dem Vorsitzenden des Fördervereins des Lauenhäger Bauernhauses, Fritz Anke, für die Bereitstellung des Hauses und die Bewirtung der Gäste sowie den zahlreichen Teilnehmern für das rege Interesse an den Ergebnissen der Schaumburger Kommunalarchäologie, die sich durch eine gute Zusammenarbeit von haupt- und ehrenamtlichen Archäologen auszeichnet.

Gerd Lübbers

Ältere Themen:

FAN-Post 2016 FAN-Post 2016
Die FAN-Post 2016 online

Zurück