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Römer in Nordwestdeutschland 2018

Utz Böhner (boehner) on 03.01.2020

Römer in Nordwestdeutschland - Alte Gewissheiten und neue Perspektiven -

Das Lippische Landesmuseum in Detmold war am 27. und 28. April 2018 Gastgeber des 7. Kolloquiums „Römer in Nordwestdeutschland“, zu dem sich wiederum zahlreiche Teilnehmer aus der Archäologie und der Alten Geschichte eingefunden hatten, um zum Thema „Alte Gewissheiten und neue Perspektiven“ zu referieren und Meinungen auszutauschen.

Nach der Begrüßung durch Frau Anke Peithmann, Vorsteherin der Lippischen Landschaft, der Trägerin des Museums, und den Museumsleiter Dr. Michael Zelle, der einige Erläuterungen zum Programm und notwendige organisatorische Hinweise gab, führte Prof. Dr. Horst Callies, (Springe/Hannover) – verbunden mit dem Dank des Vorbereitungsteams an die Gastgeber - in das Thema der Tagung ein:

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Anstoß für das vielleicht etwas lyrisch klingende Thema sei gewesen, im Kreise von Experten neue Einsichten über das Auftreten der Römer in Nordwestdeutschland vor dem Hintergrund u.a. der neuen Grabungsergebnisse in Kalkriese und neuer Forschungsbetrachtungen zu gewinnen oder auszutauschen. Ziel sei, eine Monopolbetrachtung von Kalkriese aufzuheben und dort erzielte Erkenntnisse in einen größeren Zusammenhang einzubinden, den germanischen Bereich stärker einfließen zu lassen und das vorliegende Material evtl. neu zu bewerten. Die Forschung mache manchmal den Eindruck , sie konzentriere sich auf die Frage 9 oder 15/16 n.Chr. und – damit verbunden – auf das Ende der römischen Aktivitäten im freien Germanien. Ein schlagartiges Ende der römischen Präsenz im rechtsrheinischen Germanien aber habe es nicht gegeben. Zu prüfen sei deshalb, ob das vorliegende Material für eine Aktion der Römer auch nach 15/16 n.Chr. spricht. Es sei davon auszugehen, dass das freie Germanien auch nach diesem Datum eine größere „regio translimitana“ blieb.

Insgesamt diene die Veranstaltung – wie die vorausgegangenen – dem wissenschaftlichen Austausch, indem sie in freier Form über aktuelle Arbeiten berichten lässt. Erwartet würde eine mutige Präsentation neuer Aspekte, über die sich zu diskutieren lohne. Man erwarte kein Schaulaufen wie auf manchen anderen Tagungen, selbst Fehler dürften gemacht werden.

Diese Prinzipien sollten auch für etwaige folgende Kolloquien gelten. Die Teilnehmer der Tagung, der er einen guten Verlauf wünschte, könnten auf interessante Ergebnisse gespannt sein.

 

Unter der Moderation Dr. Joachim Harneckers (Xanten) eröffnete Dr. Bernhard Sicherl (Niederkassel) die Reihe der  Beiträge mit dem Thema „Kulturprovinz(en) im Weserbergland in Mittel- und Spätlatènezeit“. Ziel seines Vortrags  war die Überprüfung seiner 2004 und 2009 erfolgten Versuche, die späte Eisenzeit in Nordwestdeutschland kulturell stärker zu gliedern, vor dem Hintergrund des inzwischen gewachsenen Forschungsstands zu überprüfen und fortzuführen sowie Interpretationsansätze aufzuzeigen.

Bei einer Kartierung einiger diagnostischer Typen der Stufe Lt C(bes. Fibeln und Gürtelbestandteile) lassen sich deutliche Kernzonen der Verbreitung - nicht scharf gegeneinander abgegrenzt- neben eher lockeren Streuungsbereichen erkennen:  die Pestruper Gruppe (Cloppenburger Geest > Gehängeschmuck), die Eilshausener Gruppe (Ravensberger Hügelland und Wiehengebirgsvorland > Bügelplattfibeln, Hängebroschen), Pipinsburg-Gruppe (Bergland östlich der Weser und Leinebergland > Bügelscheibenfibeln, Gürtelschmuck), Paderborner Land und anschließendes Sauerland (>durchbrochene Armringe), Mittel- und Nordhessen  (>Bügeljochfibeln) und die Lahn-Sieg Gruppe (>plastisch verzierte Gürtelhaken).Die letzten beiden Gruppen lassen sich als Regionalgruppen der zuvor so genannten Dünsberg-Gruppe verstehen.

Die Quellenlage für die einzelnen Regionen ist sehr heterogen. In Hessen und der Paderborner Gegend stammen die kartierten Typen vorwiegend von Höhenfundplätzen, ebenso bei  der Pipinsburg-Region (hier das Gräberfeld von Sorsum als einziges Korrektiv), während bei der Pestruper und Eilshausener-Gruppe die Funde fast nur aus Gräbern stammen. Bei dieser Quellenlage verbieten sich quantitative Vergleiche zwischen den Regionen.

Wie weitere Kartierungen zeigen,  lässt die Verbreitung technischer Varianten von Hohlbuckelringen Beziehungen zu den genannten Regionalgruppen erkennen, daneben weisen sie aber auch auf eine gruppenübergreifende Kommunikation hin. Für die Spätlatènezeit ergab die Kartierung von Stufenfibeln (Lt D1a) und Fibeln vom Typ Kostrzewski Var. G u. H (Lt D1b) Hinweise auf eine größere Uniformität, doch sind auch hier regionale Bezüge zu erkennen – ein Hinweis auf den Fortbestand der oben genannten Gruppen. Die Stufenfibeln sind bei der Pipinsburg-Gruppe gut vertreten, in der Pestruper-Gruppe nur vereinzelt. In Mittel und Nordhessen sind sie isolierte Fremdformen. Anhand einer Sonderform von Stufenfibeln mit kräftigem Bügel, die im Harz-Weser-Raum mit bronzener Spezialkonstruktion produziert wurden, dann im Dreieck Elbe-Weser mit eisernem Bügel kopiert wurden, lässt sich im Detail ein gruppenübergreifender Kontakt nachweisen. Für die Fibeln Kostrzewski G u. H zeigt sich Ähnliches wie bei den Stufenfibeln.

Die Bestattungsformen sind weniger eindeutig. Die Gräberfelder weisen meist mehrere Grabformen zur gleichen Zeit auf, aber diese zu unterschiedlichen Prozentanteilen. Bei der Pestruper Gruppe  herrschen Scheiterhaufenhügel, in der Eilshausener Gruppe Brandgruben ohne Leichenbrandrest oder Urne vor. Für die von Wilhelmi herausgestellte Tecklenburger Gruppe sind v.a. Brandschüttungsgräber mit Quadratgräben typisch, daneben erscheinen aber auch andere Bestattungsformen.

Eine Untersuchung von Kontinuitäten bei größeren und länger belegten Gräberfeldern könnte neue Aufschlüsse für eine regionale Gliederung ergeben. Trotz erster Ansätze ist die Datenbasis aber noch zu lückenhaft, um belastbare Aussagen zu treffen.

Bei den Siedlungsbefunden ist eine Kartierung der datierten Kegelstumpfgruben – ein Indikator für komplexe Formen der Getreidespeicherung – aufschlussreich. Diese Grubenform erscheint bei den meisten der untersuchten Regionalgruppen erst seit Lt C, bei der Lahn-Sieg-Gruppe schon während Ha D – Lt B., was diese markant von der Gruppe Mittel- und Nordhessen trennt.

Die Verbreitungsbilder der genannten diagnostischen Typen lassen sich sicher auf verschiedene Ursachen zurückführen (Absatzgebiete von Werkstätten, Heiratskreise, Kommunikationsräume usw.). Dennoch bleibt zu deuten, weshalb die Schwerpunkte sich bei den verschiedenen Analysen immer wieder decken. Kommunikationsräume bedeuten auch Kommunikationsbeschränkung zu den Nachräumen trotz einer Verbindung durch Fernrouten. Daher ist nach der sozialen Klammer zu fragen, die die verschiedenen Regionalgruppen vereint.  In Deutschland wird dies durch Kossinnas ethnische Deutung archäologischer Kulturprovinzen blockiert, der – im nationalstaatlichen Denken des Kaiserreichs befangen - archäologische Kulturen und Ethnien zu homogen und monolithisch postulierte. Er wird den inzwischen entwickelten komplexen Vorstellungen für die eisenzeitlichen Gesellschaften nicht mehr gerecht.

Daher erscheint es unter folgenden Prämissen diskussionswürdig, die Kernzonen der betrachteten Regionalgruppen als Kernzonen politisch-sozialer Einheiten zu interpretieren: Archäologische Kulturprovinzen sind nicht scharf umgrenzt. Sie können sich zeitweise in ihren Schwerpunkten mit politischen, ökonomischen und sozialen Identitäten decken, die aber selbst instabil sind. Ähnliche Identitäten werden durch geographische Faktoren (Kommunikationsräume) begünstigt. Eine Rückübertragung der aus den Schriftquellen bekannten Namen auf ältere Gruppierungen ist wegen der Instabilität der Gruppen kaum sinnvoll.

Die kleinräumige archäologische Gliederung – wie hier vorgetragen –bietet eine alternative, nach Meinung Bernhard Sicherls vielversprechende Betrachtungsweise zu den großräumigen und daher zwangsläufig pauschalisierenden Modellen ( Germanen – Kelten) archäologischer Kulturen.

 

Im  zweiten Beitrag unter dem Titel „Nicht nur Lippelager: Augusteische Funde im einheimischen Kontext“ ging Dr. Michael Zelle (Detmold) auf die Art und Weise römischer Präsenz im rechtsrheinischen Germanien ein: Im Focus der Forschung stehen nach wie vor die römischen Militärlager bzw. große Fundplätze wie Kalkriese; Haltern und Waldgimes  Damit steht die Forschung zwar auf einem relativ sicheren „Interpretationsboden“; Kenntnisse zu den wichtigen Vormarsch- und Nachschublinien der Römer ins Innere Germaniens konnten so gewonnen und verfeinert werden. Die römische Präsenz in der Fläche – soweit archäologisch fassbar - und somit auch die Reaktion der einheimischen Bewohner auf das Erscheinen der Römer blieb aber weitgehend verborgen.

Es erhebt sich die Frage, welche Gebiete bereits unter direktem Einfluss der Römer gestanden haben. Im Süden Hessens ist dies mit Waldgirmes bereits deutlicher geworden. Das Weserbergland mit Ostwestfalen-Lippe als Ziel- und Operationsraum (Cheruskerraum!) der Römer stellt dagegen eine Region dar, die hinsichtlich der Art und Intensität der römischen Präsenz  erneut zu untersuchen ist und sicher archäologisches Potential besitzt.

Der Frage, wie sich die römische Präsenz in dieser Region im einheimischen Kontext darstellt, ging Dr. Zelle anhand einiger Fallbeispiele nach.

Zahlreiche Siedlungsstellen und Gräberfelder der mittleren und jüngeren Latènezeit sowie der römischen Kaiserzeit sind entlang des Flüsschens Bega nachgewiesen worden. In zwei Siedlungen (Hörste, Lemgo-Begaterrasse) haben sich römisch-augusteische Funde einschließlich Keramik in einheimischem Kontext erhalten. Innerhalb zweier Begräbnisplätze (Südlengern, Pertershagen) fanden römische Gebrauchsgefäße als Grabbehältnis oder Beigaben  Verwendung. In der latènezeitlichen Wallburg Grotenburg, dem Standort des Hermannsdenkmals, wurde in den 1950er Jahren eine Geschossspitze ergraben. Dieser zunächst umstrittene Fund wurde kürzlich restauriert und nun mit größerer Sicherheit als Pilumspitze bestimmt.

Diese Beispiele zeigen, dass trotz aller Unsicherheiten auch eher unscheinbare Fundstücke ernst genommen werden müssen, auch wenn sie zunächst nicht in naheliegende Erklärungsmuster einzuordnen sind, zumal sie neue Perspektiven in der Forschung aufzeigen können.

In der Aussprache stand die Diskussion über die Interpretation der Pilumspitze im Mittelpunkt. Auf der einen Seite deute sie klar auf die Einflusssphäre der Römer hin, sei vielleicht sogar ein Anzeichen für einen Akkulturationsprozess, sie könne aber auch einfach Plünderungsgut aus einem verlassenen römischen Lager sein (Beispiele aus den Niederlanden). Ausgangspunkt für eine Interpretation sei die Klärung der Provenienz der Funde.

Im dritten Beitrag referierte Dr. Klaus Frank (LVR für Bodendenkmäler im Rheinland, Außenstelle Opladen) über „Neue Gräber aus Rheindorf“: Bei Rheindorf, an der Mündung der Wupper in den Rhein gelegen, befand sich bis in die mittlere Kaiserzeit ein Flussübergang über die Wupper. Hier wurde inmitten dichter germanischer Besiedlung ein Gräberfeld angelegt, in dem mehr steckt als zu vermuten war. Eine Dokumentation der lange verschollenen Fundakten der Grabungen durch Rademacher seit 1911 ermöglicht einen Blick auf die dort ansässige germanische Bevölkerung unter der Fragestellung, wer diese Germanen sind und woher sie an das rechtsrheinische Ufer kamen. Zahlreiche Funde weisen auf eine kontinuierliche Verbindung nach Osten, die in den Funden  - Keramik und Metallreste – deutlich wird. Elbgermanische Funde, v.a. Schildbuckel, sind über die Hellwegzone, einen sehr alten Verkehrskorridor, dorthin gelangt. Am zentralen Verbrennungsplatz mit verschmolzener Bronze und Keramikresten liegen Gräber mit Konglomeraten, die eindeutig germanischen Ursprungs sind. Das deutet auf Einflüsse  aus dem Wesergebiet hin.

 Bronzegefäße sind zerschmolzen, was eine Definition der Gräber erschwert. Doch zieht sich eine Struktur, die auf militärische Führer aus führenden (schriftkundigen?) Familien schließen lässt, durch Jahrhunderte hindurch. Als wirtschaftliche Grundlage für die Siedlungen sind auch die Metallvorkommen der Region anzusehen.

Der Vergleich mit anderen linksrheinischen Siedlungsplätzen ergibt ähnliche Strukturen: In Niederkassel kamen frühe römische Funde zutage, aber im Wesentlichen germanische Keramik. Auch im linksrheinischen Bonn gibt es deutliche Hinweise auf Verbindungen nach dem Osten. Rechtsrheinisch sieht es anders aus: Hier überwiegt römischer Einfluss in der nach wie vor einheimischen Bevölkerung (eingewanderte Treverer?).

Offen bleibt die Frage nach den Ubiern. Sie sind rechtsrheinisch nicht zu identifizieren, so dass hier die Problematik ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes weiterhin besteht.

 

Nach der Übernahme der Moderation durch den niedersächsischen Landesarchäologen Dr. Henning Haßmann lautete der Titel des folgenden Beitrags von Dr. Stefan Berke und Dr.Daniel Nösler (Trier/Stade) „Ein neues einheimisches Grab der augusteischen Okkupationszeit aus Apensen, Landkreis Stade“: Als W. Wegewitz 1927 das sog. Fürstengrab von Apensen barg, das hochwertige Beigaben in einem als Urne benutzten Bronzeeimer (vom Typ Eggers 25) enthielt (Teile eines römischen Trinkservices, verschmolzene Reste zweier silberner Skyphoi aus der zweiten Hälfte des 2. Jhs. n. Chr.), ging er in seiner Publikation der Grabung noch davon aus, dass es sich bei dem Grab um eine Einzelbestattung handelte. Die Funde von Dietrich Alsdorf im Jahre 1971 zeigten jedoch, dass das Grab  Bestandteil eines ausgedehnten Gräberfeldes ist, das von der Spätlaténezeit bis zum Ende des 2. Jhs. n. Chr. belegt wurde.

2008 bis 2009 fanden dann in einzelnen Arealen des Friedhofs Rettungsgrabungen statt, da durch Tiefpflügen und Separieren die nur flach eingegrabenen Bestattungen stark gefährdet sind. Dabei  ließen sich – wie im Gräberfeld von Putensen – aus kultischen Gründen in den Boden gerammte Waffen (Lanzen, Speere, Schwerter) feststellen. Auffällig war die große Anzahl an römischen Gegenständen (Kleinfunde wie z.B. Fibeln, v.a. aber eine größere Anzahl von als Graburnen dienende Bronzegefäße), die geborgen werden konnten. Aus Zeitgründen wurde eine größere Zahl von Urnen im Block geborgen.

In Kooperation zwischen der Kreisarchäologie Stade und dem Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung in  Wilhelmshaven wurde 2016 begonnen, eine der Blockbergungen zu öffnen, um die Funde zu  konservieren und zu restaurieren. Es handelt sich bei der Urne um einen Bronzekessel des Typs Eggers 7. Ihr Inhalt umfasste viele organische Funde  wie Leichenbrand, Textil- ,Leder- und Pflanzenreste, dazu fanden sich  zahlreiche Beigaben: ein eiserner Schildbuckel, eine bronzene Schildfessel, ein eisernes Messer mit Holzgriff, ein – römischer – Doppelknopf, zwei Riemenendbeschläge [römisch?] und ein Endbeschlag aus Silberblech. Weitere Beigaben waren zwei eiserne Fibeln Almgren 24, eine eiserne Schere und ein eisernes halbmondförmiges Rasiermesser (?) ohne Griff – alle mit Textilresten – sowie eine eiserne Lanzenspitze.

Neben diesen Funden enthielt die Urne ausgesprochen ungewöhnliche Beigaben: Ein Futteral für das Rasiermesser stellt ein Unikat dar. Es besteht aus zwei bronzenen halbmondförmigen Scheiben, von denen eine  oben einen Falz besitzt und auf der zwei kleine Enten sitzen. Dazu kommen vier silberne „Schildrandbeschläge“.

Schon bei einer CT-Aufnahme und beim Röntgen war in der Urne ein Schwert erkennbar: Dies war zusammengebogen und lag annähernd mittig in der Urne waagerecht  auf einem Haufen Leichenbrand. Es besitzt eine gerade zweischneidige Klinge; das Heft ist mit einem Band aus einer Kupferlegierung und einem filigranen Goldband verziert.  Am Ende des Hefts befindet sich eine silberne Hohlkugel als Schwertknauf. Die CT-Querschnitte ergaben, dass das Schwert zwei Hohlkehlen aufweist. Die nächste Parallele zu diesem Schwert stammt aus einem Grab in Harsefeld, darüber hinaus besteht eine Verwandtschaft mit einem Schwert aus Linsholmgard bei Frederiksborg in Dänemark und mit anderen Stücken spätlatènezeitlicher bzw. frührömischer Zeitstellung.

Zu diesem  Schwert passen die Reste einer durch den Brand auf dem Scheiterhaufen stark zerstörten Bronzeblechscheide mit einer silberbesetzten Schauseite. Sie  weist – im Gegensatz zu Parallelfunden - keinen Schwertriemenhalter, sondern Trageösen im römische Stil auf. Ihr silberner Besatz in „opus-terrasile-Technik“  gehört  zu einer Gruppe von Schwertern, die etwa in die Zeit zwischen 30 v.Chr. bis Chr. Geburt zu datieren sind. Parallelfunde  (nur vier mit silbernem Besatz) verteilen sich über mehrere Gruppen in Mitteleuropa.

Für die Datierung des Grabes in die mittel- bis spätaugusteische bis frühtiberische Zeit sprechen der Kessel Eggers 7, die Schwertscheide, das Schwert und die Fibeln Almgren 24. Auf überregionale Beziehungen von Skandinavien bis  nach Bulgarien, England und Polen wiesen andere Beigaben hin. Teile des Fundgutes sind römisch (Schwert, Schwertscheide) oder entsprechen romano-keltischer Tradition. Die reiche Ausstattung des Grabes aus Apensen und die genannten überregionalen Beziehungen lassen den Schluss zu, dass der Bestattete zur damaligen „Elite“ oder Oberschicht gehörte, so dass man zu Recht von einem zweiten „Fürstengrab“ von Apensen sprechen kann.

 

Anschließend referierte Dr. Dieter Bischop (Bremen) über „Siedlungsformen und Kontakte des 1. -3. Jhs. im Bremer Becken“. Anhand einer Karte gab er eine Übersicht über bekannte und teilweise sogar ergrabene Siedlungsplätze im Bremer Becken seit der späten vorrömischen Eisenzeit bis in die Völkerwanderungszeit und darüber hinaus in unterschiedlichen Naturräumen von Geest, Düne und Marsch  und ging dann auf einzelne Fundplätze ein, insbesondere auf die jüngsten Grabungen in der Wesermarsch bei Habenhausen.

Ein Brunnen einer Siedlung in der Vorgeest in Kirchhuchting konnte auf das Jahr 7 n.Chr. datiert werden. Nur wenige Kilometer entfernt deuten einige Metallfunde auf eine kurzfristige Flottenstation des Germanicus (!)  hin. In Kirchhuchting wie auch in einer Siedlung aus der älteren römischen Kaiserzeit wurden  zwar nur relativ wenige Metallfunde, dafür aber Glasfunde von römischen Rippenschalen entdeckt. Einige im Weserbereich geborgene römische Münzen lassen auf frühe Siedlungsaktivitäten in der bremischen Altstadt schließen. Relativ viele römische Funde ergaben Grabungen in der Siedlung Mahndorf und dem zeitgleichen Gräberfeld auf dem Fuchsberg. Herausragend sei dabei ein Kameofragment aus severischer Zeit aus einer Siedlungsgrube.

In der Wesermarsch sind an verschiedenen Stellen auf den Uferwällen der Weserarme Uferrandsiedlungen der älteren römischen Kaiserzeit festgestellt worden. Am Uferrand abgelagerte Siedlungsabfälle enthielten einheimische Keramik, aber auch einige römische Amphorenscherben sowie eine Reihe von Holzobjekten, von denen eines , das Joch einer Leier, als ältester Nachweis dieses Musikinstrumentes gewertet werden kann. Ein Balken mit neun eingesetzten Spitzen ist als Bruckstück einer Egge zu deuten, ein Befund, der Rückschlüsse auf angewandte Ackerbautechniken zulässt. Auch in der kürzlich ausgegrabenen Siedlung in Bremerhaven-Schiffdorferdamm  gibt es ähnliche Befunde. Hier fanden sich nahe des gleichzeitigen Gräberfeldes mit Brand- und Körpergräbern große Gruben, die höchstwahrscheinlich der Mergelgewinnung dienten. Eine Düngung des Ackerbodens mit Mergel empfahl auch Columella (zur Zeit des Kaisers Claudius) in seinem Werk über die Landwirtschaft.

Im folgenden Beitrag  „Die germanische Besiedlung am Kalkrieser Berg – die Kulturlandschaft als Kulisse für die Kämpfe“ berichteten Dr. Achim Rost und Dr. Susanne Wilbers-Rost (Bramsche) über einen Forschungsschwerpunkt im Rahmen des Projekts Kalkriese, die Erforschung der Konfliktlandschaft, d.h. insbesondere der einheimischen Besiedlung und Infrastruktur zur Zeit der Auseinandersetzung zwischen Römern und Germanen.

Es zeigt sich nach den Untersuchungen mehrerer Siedlungen durch Grabungen ( u. a. am Hof Dröge, wo Funde Ähnlichkeiten mit denen vom Oberesch aufweisen), dass die Römer sich auf ihrem Marsch weitgehend an den von den Germanen genutzten Arealen am sandigen und trockenen Unterhang des Kalkrieser Bergs orientierten. Freiflächen und Wege erlaubten hier eine Fortbewegung des Heeres. Römische Funde auf dem Flugsandrücken am Rande des Großen Moores, auf dem sich keine Siedlungen aus der Zeit um Christi Geburt fanden, wiesen  auf Versuche der Römer hin, sich nicht nur am Hang des Kalkrieser Berges nach Westen hin abzusetzen, sondern auch über die Senke und den Flugsandrücken nach Nordwesten.

Die in den einheimischen Siedlungen gefundenen römischen Münzen und Militaria sind nach den jüngsten Untersuchungen nicht als verschleppte Beute zu betrachten, sondern darauf zurückzuführen, dass auch hier Kampfhandlungen stattgefunden haben. Das belegt – zusammen mit den übrigen Fundstellen - die große Ausdehnung des Kampfareals zwischen Kalkriese und Großem Moor.

Wegen Zeitdrucks entfiel leider eine an sich notwendige Diskussion zu dieser umstrittenen Position. 

In seinem Beitrag „Neues aus Wilkenburg“ gab Friedrich-Wilhelm Wulf MA (Hannover) einen kurzen Überblick über die Forschungsgeschichte des römischen Lagers: 1991 hatten Luftbilder von Dr.Otto Braasch erste Hinweise auf das Lager ergeben. Nach einer ersten Begehung durch Wulf und Dr.Frank Berger erfolgte 1992 eine Suchgrabung durch Dr. Erhard Cosack von der hannoverschen Bezirksarchäologie, bei der jedoch der nach dem Luftbild vermutete Graben verfehlt wurde. Erst nach der Einleitung eines Planfeststellungsverfahrens zum großen Kiesabbau auf der Fläche im Jahre 2014 konnte bei einer erneuten Grabung 2015 der Lagergraben mit eisenzeitlichen Keramikfunden nachgewiesen werden. Eine größere Grabung durch Prof. Salvatore Ortisi und das NLD erbrachte den Befund  einer römischen Toranlage.

Seit 2015 finden ganzjährige Detektorprospektionen und  geophysikalische und bodenkundliche Untersuchungen statt. Sie ergaben bis heute ca. 3000 Buntmetallfunde aus mehreren  Zeiten, darunter 70 römische Münzen -neuerdings weit über 100 (d.R.)-  und keltische Kleinerze (Regenbogenschüsselchen) sowie auch einige wenige römische Militaria.

Im Herbst 2017 erfolgte eine weitere Grabung im nördlichen Wall-Grabenbereich mit anderer Methode (Handarbeit, Schlämmen des Bodens  einschließlich der Pflugschicht quadratmeterweise). Dabei wurde zwar der Graben nicht gefunden, dafür aber in einer tieferen Hochflutlehmschicht ein Brandgräberfriedhof der jüngeren Bronzezeit, der nach der C14-Methode in das 12. Jh. v. Chr. datiert werden konnte.

Die Münzen sind inzwischen alle durchgesehen, so dass als Endmünze ein Gaius-Lucius-Denar feststeht. Damit ergebe sich, dass das Lager jünger als drususzeitlich, aber vor Kalkriese einzuordnen ist; es datiere vermutlich in die Zeit 4 – 6 n.Chr.

In den beiden letzten Beiträgen des Freitags stellten Philipp Groß und Julian Geiß (Trier) Ergebnisse Ihrer Masterarbeiten an der Universität Trier vor.

Philipp Groß beschäftigte sich mit dem Thema „ Wasser für Haltern – Geoarchäologische Untersuchungen zur Wasserversorgung des Hauptlagers in Haltern“.

Ausgehend von dem zu erwartenden Wasserbedarf des Hauptlagers und der sich daraus ergebenden nötigen Wasserversorgung führte er zunächst die Wasserversorgung anderer Lager vergleichend an:

In diesen gab es vor allem Brunnen, aber auch Zisternen. In Oberaden z.B. existierte eine Holzzuleitung, in Xanten sind Wasserzuleitungen nachgewiesen. In Haltern sind zunächst Brunnen und Zisternen (später z.T. verfüllt) festzustellen, besonders an Lagerstaßen.  Später wurde, wie Bleirohrfunde an der Via Principalis bezeugen, wohl eine interne Wasserverteilung durch ein Leitungssystem eingerichtet, das aber eine externe Wasserversorgung als Ersatz und/oder Ergänzung erforderte. Da das Lager Haltern auf einem Ausläufer der Hohen Mark errichtet wurde, lagen oberflächliche Wasservorkommen in der Nähe alle unterhalb des Lagers, konnten so die Versorgung nicht gewährleisten. Groß sieht das aussichtsreichste Grundwasservorkommen in der nördlichen Mark, um das Lager ausreichend versorgen zu können. Eine Leitungsführung von dort sei als Möglichkeit anzunehmen und zu untersuchen.

Julian Geiß setzte sich mit dem Thema „Neue Pfeilspitzen aus Haltern“ auseinander. Nach einem Überblick über die gefundenen Pfeilspitzen – geordnet nach verschiedenen Typen -aus seinem Bearbeitungsgebiet (Silverberg; Gräberfeld und Anlagen Am Wiegel) zog er Vergleichsbeispiele (alle aus augusteischer Zeit) aus anderen Lagern heran. Bei diesem Vergleich fällt auf, dass dreiflügelige Pfeilspitzen mit gerundeten Flügeln (Zanier 5) bisher nur aus Haltern, Oberaden und Dangstetten bekannt sind. So liegt es nahe, diese Form eventuell mit einer bestimmten Werkstatt oder einer bestimmten Militäreinheit zu verbinden. Die Verteilung dieser Pfeilspitzenform und die zeitliche Abfolge der genannten drei Lager lassen vielleicht auf eine Truppenverschiebung in augusteischer Zeit schließen. Nijmegen als neuer Fundplatz dieses Typs von Pfeilspitzen würde eine Datierung in diese Zeit stützen. Daraus zog  Geiß  folgende Schlussfolgerungen: Der Pfeilspitzentyp Zanier 5 ist in die augusteische Zeit zu datieren, bis neue Funde etwas anderes ergeben. Die Typologie von Zanier ist zu überarbeiten. Eine Truppenverschiebung in augusteischer Zeit ist als These anzunehmen.  Der Stereotyp des orientalischen Bogenschützen, der mit den dreiflügeligen Pfeilspitzen nachgewiesen werden können, ist zu überdenken. Eine Nutzung von Pfeil und Bogen durch Legionäre und Auxiliareinheiten ist aufgrund der Fundverteilung wahrscheinlich.

 

Unter der Moderation von Prof. Horst Callies wurde der Samstag des Kolloquiums eröffnet mit dem Beitrag von Dr. Ulrich Werz (Bearbeiter antiker Fundmünzen Niedersachsens im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege) zum Thema „Das Jahr 9 aus numismatischer Sicht“, wobei sich der Titel nicht auf die Ereignisse im Teutoburger Wald bezog, sondern auf die Prägung von Semisses in Lyon, die in diesem Jahr stattfand.

Dr. Werz ging in seinem Vortrag der Frage nach, inwieweit es bei der Nominalverteilung Unterschiede zwischen den Plätzen im Rheingebiet und denen im Inneren Galliens gab.  Er zog dazu die Münzfunde aus rund 80 verschiedenen Orten in Gallien und Germanien zur Auswertung heran.

Es zeigt sich, dass Asse der ersten und zweiten Altarserie in der Hauptsache  im Rheingebiet vorkamen. Anders sieht es bei den halbierten Stücken dieser Münztypen aus. (Halbstücke wurden als kleinste Werteinheiten im augusteischen Nominalsystem zunächst durch die Zweiteilung von ganzen Assen geschaffen.) Sie kommen fast immer nur an den Fundorten im Rheingebiet vor und fehlen in Gallien weitgehend. Die in Lyon geprägten Semisses tauchen dagegen in den gallischen Funden sehr häufig, im Rheingebiet eher selten auf. Somit lassen sich in der Nominalverteilung deutliche Unterschiede zwischen dem Rheingebiet und Gallien erkennen. 1)

 

Den zweiten numismatischen Beitrag lieferte Prof. Dr. Reinhard Wolters (Wien) mit dem Thema „Zwischen VAR(us) und Germanicus – Übertragung der Kalkrieser Buntmetallmünzen in Chronologie und Bewegungsprofile“.

Münztypen und Kontermarken ermöglichen die Rekonstruktion einer aussagekräftigen relativchronologischen Abfolge der Militärplätze der Okkupationszeit, wobei in der Verbreitung der Kontermarken Bewegungsprofile zu erfassen und für die chronologische Interpretation zu berücksichtigen sind.

Für den letzten Zeitabschnitt der Okkupationszeit sind kontermarkierte Münzen des Typs Lugdunum I mit den Kontermarken CVAL und VAR sowie AVG und IMP/L kennzeichnend, wobei die beiden zuletzt genannten (mit deutlichem zeitlichen Abstand zu CVAL und VAR angebracht) das Kontermarken-spektrum in Kalkriese und Haltern dominieren. Höchstwahrscheinlich stellt die regional nur eingeschränkt verbreitete Marke IMP/L das späteste chronologische Merkmal dar. Anhand des Kalkrieser Materials konnte für die häufige Marke AVG  eine Sonderform (in Gestaltung und Anbringung) festgestellt werden, deren Identifikation an anderen Plätzen wichtige chronologische Auskünfte gibt.

Diese Kontermarken wollen verstanden werden. Die Auflösungen C(aius Numonius) VAL(a) und (Publius Quinctilius) VAR(us) sind weitgehend akzeptiert. Die Kontermarken können also nur zwischen 6/7 bis 9 n.Chr. angebracht worden sein. Das bedeutet für die beiden anderen Marken den terminus post quem. Der Gegenstempel IMP/L  ist wohl in Verbindung mit einer imperatorischen Akklamation zu interpretieren und deutet aufgrund seiner Verbreitung auf eine Anbringung rechts des Rheins hin, die nach der relativen Chronologie nur in den Jahren 11 bis 16 n. Chr. erfolgt sein kann. Für den in Kalkriese massenhaft vorkommenden Gegenstempel AVG mit Querhaste und Punkt wird statt der traditionellen Lesung AUG(ustus) die Lesung L(egio) AUG(usta) vorgeschlagen, was sich nur auf die gesichert erst nach 9 n.Chr. existierende Legio I Augusta beziehen kann. Inschriftliche Nachweise für diese Legion finden sich neben Kalkriese auch am Kops Plateau, wo diese Form der Kontermarke ebenfalls dominiert.

Aus der Verbreitung und den unterschiedlichen Ausdeutungen der Kontermarken ergeben sich verschiedene historische Szenarien, die Prof. Wolters unter Bezug auf die Marken „nach VAR“ als kurze, mittlere und lange Chronologie vorstellte. Die kurze Chronologie mit einem obersten Datum

9 n. Chr. ermöglicht es für manche Forschende, den Fundplatz von Kalkriese mit dem Varusereignis zu verbinden. Die lange Chronologie mit der Datierung von IMP/L und AUG auf 15/16 n.Chr. lässt die Plätze, an denen diese Marken vorkommen, in die Zeit des Germanicus fallen, dessen Aktivitäten rechts des Rheins sich damit auch archäologisch abzeichnen. Die mittlere Chronologie verbindet Münztypen und Kontermarkenfolge durch stures chronologisches Aufeinanderfolgen und kommt dabei auf ein oberstes Datum von 11/12 n. Chr. Sie wird Historiker und Archäologen vermutlich am wenigsten befriedigen. Auch sie hat aber einen klaren Münzhorizont für die Jahre nach 9 n.Chr. zum Ergebnis, der das Münzspektrum von Kalkriese bestimmt und sich als letzte Phase in Haltern wiederfindet.

Das wichtigste numismatische Argument gegen die lange Chronologie ist das Fehlen des Münztyps Lugdunum II an den Plätzen mit Vorkommen der Kontermarken „nach VAR“. Aber manche Forscher erwarten den Münztyp Lugdunum II rechts des Rheins auch für die Germanicus-Zeit gar nicht mehr, darüberhinaus kommen die Marken „nach VAR“ gerade an den Orten (Kalkriese, Haltern und wohl auch Holsterhausen) vor, für deren Datierung über 9 n.Chr. hinaus archäologische und historische Indizien existieren.  Daneben liegt mit Waldgirmes erstmals ein rechtsrheinischer Platz mit einer von der Numismatik unabhängigen Datierung bis in die Germanicus-Zeit vor, bei dem die Münzen vom Typ Lugdunum II ebenfalls fehlen. Das Münz- und Kontermarkenspektrum bewegt sich durchgehend im bekannten Rahmen, es erreicht nicht einmal die späten Merkmale von Kalkriese und Haltern.

Das Fehlen der Kontermarken AUG und IMP/L in Waldgirmes stützt die mittlere oder lange Chronologie, selbst wenn die dortigen Fundmünzen nicht erst dem vermuteten Enddatum in der Zeit des Germanicus, sondern bereits dem großen Zerstörungsereignis nicht vor Winter 9/10 (nach Befunden und Dendrochronologie) zuzuordnen sind.

Aus numismatischer Perspektive sprechen der fehlende Germanicushorizont und vor allem die dann allzu gedrängten Kontermarkierungsfolgen und Münzverluste gegen die kurze Chronologie, dazu die mangelnde Einbettungsmöglichkeit der Merke IMP/L. Dennoch kann ein derart schneller Ablauf von aneinandergereihten Kontermarkierungen nicht völlig ausgeschlossen werden. Auch die Einbindung der historisch erklärten Marke IMP/L ist nur eine Plausibilitätsforderung.  Diese verbliebene Restmöglichkeit für die kurze Chronologie kann aber auf keinen Fall zum Argument der Numismatik gegen historische oder archäologische Datierungen der genannten Plätze bis in die Germanicuszeit gemacht werden. Im Gegenteil ergibt sich in Übereinstimmung mit den schriftlichen Quellen zur letzten Phase der römischen Okkupation, den archäologischen Befunden in Waldgirmes und Neubewertungen in Haltern für die Münzen ein schlüssigeres Modell, wenn die Kontermarken „nach VAR(us)“ als Zeugnisse für die Zeit nach Varus verstanden werden.

 

Der vorletzte Tagungsbeitrag von Dr. Stefan Burmeister (Bramsche) stand unter dem Titel: „Die wissenschaftliche Erkundung der Varusschlacht – kritische Anmerkungen“. Er ging dabei aus vom Stellenwert der Varusschlacht in der Öffentlichkeit und dessen Auswirkungen auf die Forschung: Die Varusschlacht hat von ihrer Faszination bis heute nichts verloren. Die Öffentlichkeit verfolgt die Ergebnisse der wissenschaftlichen  Forschung sehr aufmerksam. Das belegen die Besucherzahlen in den einschlägigen Museen und der Verkauf der zahlreichen populärwissenschaftlichen Literatur zum Thema. Die Presse ist dabei Segen und Fluch zugleich.  Einerseits verschafft sie der Forschung Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und historischen Themen eine gesellschaftliche Relevanz. Das wirkt sich auf die Vergabe von Fördergeldern und die staatliche Unterstützung kultureller Institutionen durch die Politik aus. Andererseits ist sie ein Fluch, wenn Pressemitteilungen im wissenschaftlichen Diskurs allzu buchstabengetreu ausgelesen werde. Das missachtet die Eigengesetzlichkeit der Pressearbeit. Die Vermischung von medialen Originaltönen und wissenschaftlicher Diskussion wirkt, wie zahlreiche Beispiele zeigen, in der Forschung oft kontraproduktiv.

Das große Interesse der Öffentlichkeit an der Varusschlacht sichert den Wissenschaftlern maximale Aufmerksamkeit. Das mag der Hintergrund für die Schärfe und mitunter für die Polemik sein, mit der die Debatten um die Örtlichkeit der Varusschlacht geführt werden, was zur Verhärtung konträrer Positionen beiträgt, nicht aber zur Lösung offener Forschungsfragen.

Reden über Kalkriese heißt immer auch reden über die Varusschlacht. Umgekehrt ist über Kalkriese zu reden, wenn über die Varusschlacht geredet wird. Kalkriese ist bislang der Ort, der im Zusammenhang mit der Frage nach der Örtlichkeit der Varusschlacht – nach den Grabungen der letzten Jahre -namhaft zu machen ist. Alle anderen Entwürfe sind gegenüber Kalkriese ortlos und somit vage. Sie stützen sich letztlich nur auf die diesbezüglich schütteren antiken Textquellen. Das führt zwar zu lebendigen Debatten, hat aber seit Jahrhunderten zu keinem Ergebnis geführt.

Überhaupt stellt sich hier die Frage, wie Geschichte und Archäologie in einer gemeinsamen Perspektive an die Untersuchung der Varusschlacht herangehen. Wie sind die beiden Disziplinen zusammenzubringen? Wie sind schriftliche und archäologische Quellen einzubinden in ein Modell zur Deutung der historischen Ereignisse? Die Varusschlacht ist ein ausschließlich historisches Ereignis, überliefert von den antiken Autoren in einem historischen Kontext. Ohne dieses Wissen könnte die Archäologie zur Varusschlacht keine Aussagen machen. Aber nur sie kann in diesem Fall einen Ort liefern, da die Schriftquellen keine oder nur sehr ungenaue Angaben dazu machen.

Die archäologische Evidenz, so Dr. Burmeister, zeige Kalkriese als den Ort einer verheerenden Niederlage der Römer.

Jeder Alternativvorschlag für die Varusschlacht wird das berücksichtigen müssen. Nach der historischen Überlieferung kommen als Erklärung für Kalkriese nur die Varusschlacht 9 n.Chr. oder die Schlacht an den Langen Brücken 15 n.Chr. in Frage. Hypothetisch könnte auch ein bisher unbekanntes Ereignis in Betracht kommen, doch dadurch besteht die Gefahr der Beliebigkeit.

Für Dr. Burmeister stehen für das Verständnis der Ereignisse in Kalkriese drei Fragen momentan im Vordergrund:

1. Die Frage der Datierung und –damit verbunden – die Klärung, die Überreste welcher Schlacht in Kalkriese gefasst werden. Die Richtung der Diskussion werde vor allem durch die Analyse der Gegenstempel auf den Fundmünzen durch Reinhard Wolters vorgegeben.

2. Die Deutung des Fundbilds auf dem Oberesch. Die bisherige Lesart sieht die Funde als Relikte des Kampfgeschehens, der anschließenden Plünderungen durch die germanischen Sieger und als Niederschlag einer kurzzeitigen Beutepräsentation am Wall; die Knochengruben werden als Bestattungsaktionen durch die Römer sechs Jahre später gedeutet. Der annähernd zeitgleiche Fundplatz von Alken Enge in Dänemark bietet möglicherweise eine neue Perspektive für die Deutung der Kalkrieser Befunde. Auch Alken Enge steht im Kontext eines Kampfgeschehens mit mehreren hundert Toten, die hier ein Jahr an der Oberfläche liegen blieben, bevor sie „bestattet“ wurden. Vor der „Bestattung“ wurden sie einer Reihe ritueller Handlungen unterzogen. In der Parallelität der Befunde ließe sich Kalkriese möglicherweise auch als germanischer Opferplatz  in Folge einer Schlacht verstehen.

3. Die Interpretation des auf dem Oberesch gesichteten Walls. Diente er einem germanischen Hinterhalt oder war er Teil einer römischen Verschanzung? Bei den Grabungen 2016-2017 konnte dem südlichen Wall eine annähernd parallel verlaufende Wall-Graben-Anlage gegenübergestellt werden. Vieles spricht hier für eine römische Verschanzung, doch steht eine sichere Validierung noch aus. Die Frage „Hinterhalt oder Lager“ ist in weiteren Grabungen zu klären.

Zur Klärung der Datierungsfrage kann auch das momentan laufende, von der Volkswagenstiftung geförderte Projekt “Kalkriese als Ort der Varusschlacht? – eine anhaltende Kontroverse. Untersuchungen zur kulturhistorischen Kontextualisierung der archäologischen Funde des antiken Schlachtfeldes von Kalkriese“ beitragen. Auf zwei Module aus der Reihe der Module des Projekts wies Dr. Burmeister besonders hin: Eine Dissertation soll die kulturgeschichtliche Einordnung der Funde von Kalkriese erarbeiten, die nicht nur aus Militaria bestehen, sondern auch aus zivilen und sakralen Gegenständen, die es besser zu verstehen gilt. In einer zweiten Dissertation werden durch das Deutsche Bergbaumuseum Bochum Buntmetallfunde archäometallurgisch untersucht. Hierbei soll die Frage geklärt werden, ob sich römische Legionen durch einen jeweils eigenen metallurgischen Fingerabdruck abzeichnen, die Spurenelemente somit helfen, die an einem Ort präsenten Legionen zu identifizieren.

Dr. Burmeister schloss mit der Feststellung: Es gibt eine Vielzahl offener Forschungsfragen in Kalkriese, die in nächster Zeit offen anzugehen sind.2)

 

Das letzte Referat des Kolloquiums hielt Dr. Armin Becker (Xanten) zum Thema „Schlachtfelder bei Tacitus  -  Fakt und Komposition“. Er stellte fest, dass die Diskussion um die Identifikation des Befundes von Kalkriese mit der Varusschlacht oder mit dem Besuch des Schlachtfeldes durch Germanicus bzw. dem anschließenden Gefecht an den „pontes longi“ im Wesentlichen auf dem Text der Annalen des Tacitus beruht. (Jüngste Einstiege in die Kontroverse bieten Stefan Burmeisters Artikel Ich Germanicus in Archäologie in Deutschland [Sonderheft 2015]; Reinhard Wolters in Die Schlacht am Teutoburger Wald [Neuauflage 2017] und Peter Kehne in seinem Beitrag im Ausstellungskatalog Triumph ohne Sieg in Haltern.) Offenbar zumindest bisher keine größere Rolle in dieser Debatte spielte ein Eingehen auf die altphilologische Diskussion, ob Tacitus für seine Darstellung des Schlachtfeldbesuchs durch Germanicus und des folgenden Marsches über die „pontes longi“  mehr oder weniger auf seine eigenen Historien zurückgegriffen hat. Die These, dass Tacitus für seine Schilderung in den Annalen (ann. I, 61-65) seine Historien (hist. II,70 und V,14f.) benutzt hat, wurde erstmals von A. J. Woodmann (Self-imitation and the Substance in History, Cambridge 1979) vertreten. Nach Peter Kehne reichen Tacitus‘ grobe geographische Angaben zwar aus, um Kalkriese als Stätte der Varusschlacht geographisch auszuschließen, nicht aber, um Germanicus‘ Routen auf einer Karte nachzuverfolgen, erst recht nicht im Gelände. Philologische  Feinanalysen zum Bericht des Tacitus über Germanicus‘ Besuch „an den Stätten der Trauer“ und dem finalen Feld der Varusschlacht sind ihm zufolge zum Scheitern verurteilt, da Tacitus in seinen dramatischen Bildern  möglicherweise eher sich selbst als andere zitiert.

 

Nach Abschluss der Vorträge und einer letzten Aussprache, die wie auch die übrigen nach den einzelnen Vorträgen hier nicht wiedergegeben werden sollen, schloss Dr. Zelle die Veranstaltung, verbunden mit dem Dank an das Organisationsteam und die Referenten des Kolloquiums. Ihm und dem Lippischen Landesmuseum galt ein ebenso herzlicher Dank aller Teilnehmer der Tagung für die genossene Gastfreundschaft.

 

Im Verlauf der Veranstaltung boten die Kaffee- und Essenspausen, vor allem die sog. Kamingespräche am Freitagabend Gelegenheit zu Gedankenaustausch und vertiefenden Gesprächen zwischen den Teilnehmern. Dabei wurde erneut ein hohes Interesse an einer Fortsetzung der Kolloquiumsreihe bekundet.

 

Wilfried Haase

 

 

  1. Inzwischen sind die vorgestellten Ergebnisse des Vortrags teilweise in der Juliausgabe 2019 des Numismatischen Nachrichtenblatts in einer Abhandlung über die Münzreihe aus Niederwerth nachzulesen. Die dem Vortrag zugrunde liegende Materialbasis ist inzwischen in der numismatischen Online-Zeitschrift OZeAN veröffentlicht.
  2. Wir weisen hin auf: Stefan Burmeister und Salvatore Ortisi (Hrsg.), „Phantom Germanicus – Spurensuche zwischen historischer Überlieferung und archäologischem Befund“, in: Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens, Bd.53, Rahden in Westf. 2018

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