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Die Grabung in Stolzenau-Müsleringen 2009

Vom 15. bis 16. August 2009 führte der Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen e.V. (F.A.N.) unter der wissenschaftlichen Leitung von Dr. Wilhelm Gebers in Stolzenau-Müsleringen, Ldkr. Nienburg, eine Grabung durch. Bei hochsommerlichen Temperaturen waren an beiden Tagen stets 15 bis 20 Vereinsmitglieder aktiv. Allen Beteiligten sei an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt!

 

Abb. 1: Dr. W. Gebers beim Abziehen des Planums mit der Schaufel (Foto: Lübbers)

Es wurde zunächst ein 15 x 2 Meter großes Planum unterhalb des Pflughorizontes angelegt. Darin zeigte sich der äußere Graben des Erdwerkes als helle sandige Verfärbung - er wurde am ersten Ausgrabungstag überhaupt nicht als Füllschicht erkannt. Frustrierter Kommentar am Abend: „Da ist überhaupt kein Graben; wir liegen mit unserem Schnitt wieder mal daneben.“ Wie wohl tat da das kühle Bier!

 

Abb. 2: TeilnehmerInnen beim Durchsuchen des Abraumes aus dem Grabungsschnitt nach Scherben usw. (Foto: Freese)

 

Umso größer war der befreiende Jubel am Sonntagmorgen, als das Planum mithilfe eines Mini-Baggers weiter abgetieft wurde und die Baggerschaufel nun immer wieder neolithische Keramik ans Tageslicht förderte. Zu dem Bagger-Einsatz hatten wir uns schweren Herzens durchgerungen, weil steinharte Tonschichten jede weitere Handarbeit unmöglich machten. Diese Bodenverhältnisse führten auch dazu, dass bei der Grabung nur der äußere Teil des Doppelgrabens an einer Stelle im Profil geschnitten werden konnte und nicht, wie geplant, alle drei Gräben. Ein großer Dank gebührt unserem Baggerführer und Vereinsmitglied Ernst Meiniger, der unerschrocken in große Tiefen vordrang.

Im Profil zeigte sich am Sonntagmittag ein rund 5 Meter breiter und 2,2 Meter tiefer Spitzgraben, dessen Seitenwangen etwa im 40-Grad-Winkel ansteigen. In den tonigen Schichten der Grabenfüllung war Keramik eingebettet, unter anderem wurde in 1,82 Tiefe ein Fragment einer unverzierten Tonscheibe geborgen. Solche Tonscheiben treten in verschiedenen neolithischen Kulturen auf und sind in Europa weit verbreitet. Die funktionale Deutung reicht von Ess- bzw. Backtellern über Gefäßdeckel bis hin zu Wärmeplatten.

 

Abb. 3: Nur der Kleinbagger schafft es, die steinharte Erde auszuheben (Foto: Lübbers)                

 

Abb. 4: Teilnehmerin Olivia S. zeigt mit der 2-m-Messlatte die Grabentiefe an (Foto: Freese)

 

 

 

 

 

 

Abb. 5: Wohlverdiente Pause im Schatten, rechts: Dr. W. Gebers (Foto: Freese)

 

Unsere FAN-Grabung konnte somit bestätigen, dass in Müsleringen im 4. Jahrtausend vor Christus ein imposantes Erdwerk errichtet wurde; das einzig bekannte in weitem Umkreis. Insofern kommt der neu entdeckten Anlage eine wichtige Bedeutung für die archäologische Forschung zu.

Aber können wir auch Aussagen machen über die Bedeutung des Erdwerkes zur Zeit seiner Errichtung, gibt es dafür Anhaltspunkte? Sollte die lange Graben- und Palisadenfront nur eine imposante Schauseite bieten, die jeder Reisende auf der „linken“ Weserseite zwangsweise passieren musste? Oder wurde dieses große Bauwerk zu Verteidigungszwecken errichtet?

Diese funktionale Erklärung kommt unserem neuzeitlichen Denken sehr entgegen, sie birgt jedoch verschiedene Widersprüche in sich. Zum einen hätte sich die Bevölkerung vermutlich besser in den umliegenden Moorgebieten verstecken können, zum anderen bietet diese Spornlage keinen wirklichen Geländevorteil gegenüber möglichen Angreifern zu Fuß oder zu Pferd, weil die weserseitige Böschung nur um wenige Meter ansteigt.

Eine zweite Besonderheit von Müsleringen ist die Lage am Weserufer. Seit alter Zeit diente der Fluß als wichtiger Handelsweg für Güter aus nah und fern und führte zu Siedlungskonzentrationen, wie sie anhand der Grubenhäuser sehr deutlich dokumentiert sind. Beidseits des Flusses verliefen wichtige Fernwege in Nord-Süd-Richtung. Somit könnte für Müsleringen auch eine Funktion als zentrale Tausch- und Handelsstation infrage kommen, nicht nur für Rinder, sondern für Güter aller Art. Auf die häufige Anwesenheit zahlreicher Menschen am Ort deutet ja die relativ große Menge an Abfall-(?)Keramik im Suchschnitt.

Im Juli 2010 ist eine Prospektion mit dem Cäsium-Magnetometer geplant, sie soll vor allem die Endpunkte der Doppelgrabenanlage erfassen.

Heinz-Dieter Freese


In der Nienburger Zeitung  Die Harke vom 19.08.2009 ist zur Grabung der Artikel 5000 Jahre altes Erdwerk an Mittelweser entdeckt von Heidi Reckleben-Meyer erschienen.