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Vorwort 

Bei den Ausgrabungen von Dr. Wilhelm Gebers (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, NLD; ehemals Institut für Denkmalpflege) bei Rullstorf, Gem. Scharnebeck im Landkreis Lüneburg (GEBERS, 1995), wurden unter anderem zwei Scheibenfibeln gefunden. Beide Fibeln sind innerhalb der vorgeschichtlichen Siedlungsfläche entdeckt worden und werfen bis heute einige ungeklärte Fragen auf. Wegen der Fundlage im verbraunten Begehungshorizont konnten die Fibeln keinem Befund zugeordnet werden.

Man vermutet, dass sie eher zufällig verloren wurden, denn im Umfeld der Fundstelle sind zwar zahlreiche vorgeschichtliche, jedoch keine in die Zeit der gefundenen Fibeln zu datierenden Siedlungsreste bisher freigelegt worden.

Eine dieser Fibeln, die münzförmige Scheibenfibel, wurde als Logo für den Freundeskreis für Archäologie in Niedersachsen e.V. ausgesucht und ziert seither Publikationen und die Webseite des Vereins. Sie steht auch für die vielen noch offenen Fragestellungen, mit der Archäologen und Denkmalpfleger in einer unendlichen Geschichte versuchen, die Puzzleteile historischer Gegebenheiten und Ausgrabungen zu einem verständlichen Bild zusammenzufügen. Die Neugier, historische Fragestellungen zu erkunden und vielleicht auch einmal ein kleines Puzzleteil zum Gesamten hinzuzufügen, beflügelt nicht nur die Archäologen, sondern auch die Mitglieder des FAN immer wieder von Neuem.

Abb. 1: Münzförmige Scheibenfibel (10. - 11. Jahrhundert) gefunden in Rullstorf, etwa 200 m entfernt vom bekannten spätsächsischen Gräberfeld in einem Bereich, in dem die zugehörige Siedlung vermutet wird.

 

Die münzförmige Scheibenfibel

Die aus Bronze gegossene münzförmige Scheibenfibel hat einen Durchmesser von 1,2 cm. Auf ihrer Rückseite sind noch Reste des Nadelhalters erhalten. Die Vorderseite enthält die typischen Merkmale einer Münze, als solche wurde das Fundstück auch erst eingeliefert. Die Scheibenfibel zeigt die für Münzen typische Darstellung aus einer Perlstablinie mit einem äußeren Perlkreis und in gleicher Technik als Münzbild eine Gesichtsdarstellung. Die auf der Fibel dargestellte Figur trägt eine Kopfbedeckung, die durch ihre stilisierte Form des Dreiecks mit jeweils drei Perlen an den Enden als Krone mit Kreuzaufsätzen anzusprechen ist. Das ovale Gesicht wird von einem Perlenkreis umschlossen. Die Augen und die Nase sind durch versetzt angebrachte Vertiefungen (Punzen?) dargestellt. Brust und die Armdarstellung treten stark zurück und sind nur durch ein nach unten geöffnetes Perldreieck angedeutet. Die Befestigung durch die auf der Rückseite angebrachten Nadel war horizontal zur Gesichtsdarstellung angebracht, wodurch das Münzbild in aufrechter Position beim Tragen gezeigt wurde.

Die Fibel datiert vermutlich in das 10. oder 11. Jahrhundert n.Chr. Nach BERGER (1988, 21) ist - nach der Form der Krone zu urteilen - sogar eine Eingrenzung der Herstellung in die Regierungszeit Heinrich III. (1039 - 1056 n.Chr.) zu vermuten.

Abb. 2: Zeichnung der Scheibenfibel - angefertigt von Agata Michalak (Institut für Denkmalpflege, Hannover)

 

Scheibenfibeln sind im spätsächsischen Umfeld an der Niederelbe nicht häufig anzutreffen. Vereinzelte Grabbeigaben sind belegt (Ketzendorf) und deuten eine Tracht an, die nach zeitgenössischen Bilddarstellungen auf Wurzeln in der byzantinischen Hoftracht des 6. Jahrhunderts hinweisen. Diese Formen wurden in der karolingisch-ottonischen Tracht weitestgehend übernommen. Bei der Frauentracht wurde der Umhang (palla) von einer Scheibenfibel am Hals oder vor der Brust verschlossen. Bei den Männern findet man diese Art des Verschlusses vor allem bei den langen Reitermänteln, bei denen er nach zeitgenössischen Abbildungen meist auf der rechten Schulter getragen wurden.

Vermutlich ist die ins 11. Jahrhundert n.Chr. zu datierende münzförmige Scheibenfibel aus Rullstorf ein verlorengegangenes Schmuckstück in der Siedlung gewesen. Zu dieser Zeit waren Grabbeigaben in Form von Trachtenelementen durch die Christianisierung schon lange nicht mehr Sitte. Die Verbreitung von münzförmigen Fibeln liegt im Mündungsgebiet des Rheines. Dadurch kann man sich leicht vorstellen, dass ein Fremder die Scheibenfibel nach Rullstorf gebracht hatte.

Abb. 3: Münzfibel 10./11. Jh.n.Chr. - Ein weiteres Beispiel für eine Münzfibel mit einer Königsabbildung ohne Fundortangabe

 

Bernd Günther (2005)

 

Literatur:

(Berger, 1988): Frank Berger, Eine Schmuck-"Münze" aus Düna, Westfalia Numismatica 13, 1988, 20-22

(Gebers, 1995): Wilhelm Gebers , Fünfzehn Jahre Grabung Rullstorf - eine Bilanz, in: Ber. Denkmalpflege Niedersachsen, 2, 1995, 56-60

Wilhelm Gebers, Zur Herkunft und Datierung der mittelalterlichen Scheibenfibeln aus Rullstorf im Landkreis Lüneburg, in: Denkmalpflege engagiert - Festschrift zum Abschied von Urs Boeck, hg. von Wolfgang Mittlmeier u. a., Ms. Hannover 1995