DEUTUNGSVERSUCHE VON FUNDPLÄTZEN RÖMISCHER MÜNZEN
AUS REPUBLIKANISCHER BIS IN DIE FRÜHTIBERISCHE ZEIT ZWISCHEN
SOLLING UND ELM

In der Publikation „16 römische Münzen ......“, Industriemuseum Lohne, Hrsg., mit Texten von Frank Berger, Wilhelm Dräger, Bernd Hamborg, Lohne 2003, sind im Beitrag von Frank Berger eine ganze Reihe neuer römischer Münzfunde aus Niedersachsen dokumentiert worden, die vermutlich bis 16 n. Chr. in den Boden gelangt sind. Zusammen mit weiteren römischen Münzfunden aus Ostwestfalen und einigen möglichen römischen Lagern (?), wie sie auf Luftaufnahmen von Alfons Koch (Holzhausen, Brakel, Sommersell, Höxter, Stahler Masch), Herbert Hoinkis (Hohehaus) und von Günter Lange in Verbindung mit D-SAT-Aufnahmen (Lügde/Bad Pyrmont) zu sehen sind, lassen sich hypothetische Interpretationen formulieren. Sie sollen in der Übersichtsabbildung 2 (mit 17 Münzlokalisationen) vorgestellt werden.
Die Verteilung der Fundplätze für verschiedene römische Münzen in Niedersachsen, deren Prägungszeiten bis zu Augustus reichen, lassen auf der Basis topografischer Gegebenheiten drei Heerwege „Zur Elbe I-III“ aus dem Weserbergland heraus konstruieren.
Nördlich aller Mittelgebirgsformationen hatte der in der Mindener Gegend „Helweg vor dem Sandforde“ genannte alte vierte Heerweg seine Fortsetzung südlich von Hannover durch das nördliche Calenberger Land Richtung Magdeburg/Elbe. Dieser Nordweg IV lässt sich neben bereits bekannten Funden durch Neufunde in der vorgenannten Publikation „16 römische Münzen...“ in Everloh, Gehrden, Müllingen und Jeinsen-Schliekum eindrucksvoll belegen. Hier sollen jedoch nur die Heerwege I-III in ihrem Zusammenhang mit ostwestfälischen Fundstellen näher betrachtet werden.
Für den Heerweg I wird als Ausgangspunkt die Stahler Große Masch nordwestlich von Holzminden auf der linken Weserseite angenommen. Dort konnte Alfons Koch mehrere sich überschneidende Strukturen und Rundecken teilweise mit rechteckigen Innenstrukturen auf Infrarotfilm (Abb. 1) bannen. Hier gegenüber der Domäne Allersheim westlich von Bevern hat von alters her eine wichtige Furt gelegen, die auf den alten Heerweg nördlich des Sollings von Bevern bis Einbeck führte. Südlich von Einbeck wurde auf der östlichen Leineterrasse bei Vogelbeck eine Nemaususmünze (Nr. 15) geborgen. Zusammen mit dem Denarfund von Imbshausen (Nr. 16) und dem Quinarfund von Kalefeld (Nr. 17) ergibt sich die Fortsetzung der Heerstraße Bevern-Einbeck durch wald- und bergfreie Pforten in bergreichem Gelände über Seesen um die Nordspitze des Harzes herum in Richtung Magdeburg/Elbe. Es ist nicht auszuschließen, dass es der Weg des Drusus im Jahre 9 v. Chr. aus dem im Jahre 11 v. Chr. eroberten Weserbergland heraus an die Elbe gewesen ist.
Nach Drusus zogen bekannterweise mehrere Römerheere z. B. unter Ahenobarbus (6 v. - 1 v. Chr.) an und über die Elbe hinaus. Schließlich hatte Tiberius im Jahre 5 n. Chr. einen angeblich triumphalen Zug dorthin (Velleius Paterculus, Historia Romana II, 105-107). Neue niedersächsische römische Münzfunde lassen für letztere beiden Heerführer einen nördlicheren Weg annehmen. Ein Denar aus Eime bei Gronau (Nr. 8) und ein As des Augustus in Gronau/Leine (Nr. 9) schließen in integrierter Betrachtung mit den beiden Denarfunden von Klein-Escherde/Nordstemmen (Nr. 10 und 11) die Konstruktion des Heerweges III von der von jeher besten Furt bei Latferde/Ohsen über die Weser nach Hildesheim und von dort nach Magdeburg an der Elbe nicht aus.
Dann aber würde der Fund einer halben Vienna-Münze (Nr. 12) in Wietholt/Vorwohle und einer Almgren-19-Fibel auf weiterem nahegelegenem Fundplatz in Eimen (Fundmelder K. Göttig/2004) einen Sinn dadurch bekommen, dass durch den dortigen alten Heerweg II eine Verbindung zwischen den bisher dargestellten Heerwegen I und III angenommen werden dürfte.
Damit könnte u. U. eine römische Heereseinheit von der Furt Latferde durch offenes Land zwischen den Bergzügen von Hils/Ith und Vogler über Einbeck auf den dortigen möglicherweise seit Jahren bei den Römern bekannten Weg über Vogelbeck, Seesen und die Nordspitze Harz zur Elbe gezogen sein.
Diese Hypothesen setzen logistisch-topografisch ein römisches Lager westlich der Furt von Latferde voraus. Es ist von jeher von vielen Forschern z. B. an der Emmermündung bei Kirchohsen gegenüber von Latferde gesucht worden. Tatsächlich zeigen russische D-SAT-Aufnahmen (TOP WARE, Art. 641) genau gegenüber dem Atomkraftwerk Grohnde auf der anderen Straßenseite Umrandungsstrukturen eines möglichen römischen Lagers (?).
Darüber hinaus konnte Verf. auf diesen russischen D-SAT-Aufnahmen eine Vielzahl an Strukturen auf einem etwa 100 ha großen Gelände rechts der Emmer zwischen Lügde und Bad Pyrmont, einen Tagesmarsch westlich von Kirchohsen, entdecken. Günter Lange, FAN, gelang es, in einem Bildflug in nicht gemähten Wiesen negative Bewuchsstrukturen an einigen der von den D-SAT-Aufnahmen aufgezeigten „Stellen mit Strukturen“ zu fotografieren.
Auf einem Umkreis von einigen Kilometern um dieses mögliche Lagergelände herum gruppiert sich eine beeindruckende Liste römischer Fundmünzen (Nr. 1-7), die noch zu ergänzen ist durch den Quellopferfund von Bad Pyrmont und den Fund von römischen Bronzegefäßen und Terra Sigillata vom Typ Dragendorff 37 auf dem Gräberfeld Lusebrink des 3. Jahrhunderts von Lügde.
Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Peter Glüsing, Münster, in „2000 Jahre Römer in Westfalen“, Münster 1989, S. 74, ausführte:
„Wohl schon bald nach 4 n. Chr., und vermutlich noch während des militärischen Oberbefehls des Tiberius.... hatten die Römer in dem mit ihnen konföderierten Cheruskerland aller Wahrscheinlichkeit nach im Verlaufe der sich in Richtung Nordosten erstreckenden römischen Hauptversorgungsroute die Grundlage für eine zukünftige Verwaltungszentrale inmitten der rechtsrheinischen Germania gelegt: das für das Jahr 9 n. Chr. erwähnte Lager des Varus.... Im mittleren Verlauf dieser Fernstraße, meiner Meinung nach irgendwo im Bereich des Talkessels von Pyrmont/Lügde, der nicht erst in der mittleren Kaiserzeit sondern bereits in der frührömischen Kaiserzeit durch eine Konzentration frührömischen Fundgutes in Form von Trachtschmuck und römischen Bronzemünzen (nicht nur als Einzelfunde!) auffällt, oder aber im Raum Grohnde / Kirchohsen / Hameln mag dieser in Planung begriffene Verwaltungsmittelpunkt gelegen haben.“
Die Strukturen im Gelände Lügde / Bad Pyrmont scheinen u. U. Fundamentreste großer römischer Militärbauten anzuzeigen (vgl. Beiträge „Sommerlager des Varus entdeckt?“ und „Varuslager - Erste Luftbildprospektion...“ auf den Hompages von „www. roemerfreunde-weser.info“ und von „Antikefan“...Google Suche... weiter über „Antikefan-Forum“ und „Germania Magna“).
Wenn sich in Lügde / Bad Pyrmont ein römisches Mehrlegionenlager verifizieren ließe, dann hätten die vermutlichen römischen Lagerstrukturen auf den Infrarotfotos von Alfons Koch (Brakel, Holzhausen, Sommersell, Höxter, Stahler Masch) und auf herkömmlichen Luftbildern von Herbert Hoinkis (Hohehaus, vgl. Buch des Verf.: „Römer an Lippe und Weser...“, Huxaria, Höxter 2004, S. 247-250) als mögliche Etappenlager der römischen Provinz Weserbergland ihren logischen Bezug zum zentralen Lager in Lügde / Bad Pyrmont (vgl. Beitrag „Römische Provinzialisierung....“ auf den Homepages „www.roemerfreunde-weser.info“, „www.kult-ur-institut.de“ unter „Artikel“) gehabt. Die von Verf. angenommene weitgehende römische Provinzialisierung des Weserberglandes wird dabei nicht nur durch mögliche römische Gutshofstrukturen auf den D-SAT-Radar-Aufnahmen in diesem Internetbeitrag zur römischen Provinzialisierung gestützt.
H.-G. Horn unterstreicht gewissermaßen durch seine Aussage im Katalog zu der Kölner Ausstellung des Jahres 2005 „Von Anfang an“ in seinem Beitrag „Was ist wahr an Varus?“, S. 115, die hier bereits angenommene fortgeschrittene römische Provinzialisierung des Weserberglandes:
„Wie fest das Gebiet rechts des Rheins bis zur Elbe unter Drusus und seinem Nachfolger Tiberius, auf jeden Fall aber bereits vor der Statthalterschaft des P. Quinctilius Varus (7 n. Chr.) als römische Provinz auch administrativ gefestigt war, zeigen die neuesten Erkenntnisse....“




Abb. 1 Infrarot-Foto Strukturen auf einem Infrarot-Foto von Alfons Koch, Fürstenberg, vom Gelände der Großen Stahler Masch an der alten Weserfurt Stahle - Bevern. (Zur Vergößerung bitte anklicken)

Hier nun die textlichen Dokumentationen zu den in der Übersichtskarte Abb. 2 durch die Ziffern 1-17 angezeigten römischen Münzfunde mit Prägedatum bis Augustus.

1) Denar südlich von Aerzen in Richtung Bad Pyrmont, bzw. Hameln. Publiziert in: Die
Kunde N. F. 52/2001, durch E. Cosack in seinem Beitrag „Archäologische Funde aus
dem Regierungsbezirk Hannover (2000), S. 16 und 24, Abb.-Nr. 43:
„Zeitgenössische Imitation Augustus, Typ Gaius und Lucius. Geprägt 2 n. Chr.,
Bestimmung durch P. Ilisch, Westf. Museum, Münzkabinett Münster. Fu. Bei
systematischer Absuche gefunden. Fo. Aerzen, Lkr. Hameln-Pyrmont. TK Aerzen 3921,
r. 35 18 300, h: 5765950.“ Verbleib: Westf. Museum für Kunst und Kulturgeschichte
Münster, Münzkabinett, Inventar-Nr. 29952.
2) Mehrere römische Münzfunde um 1750 an der Straße Lügde nach Hagen, von
Pastor C. F. Fein aus Hameln gesehen und beschrieben: Wie weit die alten Römer in
Deutschland eingedrungen, Berlin 1750, auch in FMRD VII/4017. Unter den Münzen
befanden sich offensichtlich Nemausus-Münzen. Verschollen.
3) Legionsdenar, 32/31 v. Chr. in einem Grab der Wüstung Hiddenhusen/Eschenbruch bei Lügde, 2000 geborgen, M. Zelle, Lipp. Mitteilungen, Detmold 2005, Verbleib Lipp.
Landesmuseum.
4) Republikanischer Denar in Lügde? FMRD VI/6069, gefunden vor 1828 „zwischen Lügde und der Weser“. Ehem. Slg. Altertumsverein Münster. Verschollen. - W. Prov.Bll. Bd. 1,
1828, Bolin Fynden (40), Nr. 40b; Wormstall, Münzfunde, 270; Christ, 28. Verschollen.
Zusätzliche FMRD-Info: „Auf dem Lusebrink kaiserzeitliches Gräberfeld des 3.
Jahrhunderts, zerschmolzene Reste römischer Bronzegefäße und reliefverzierte Sigillata-
Schüssel der Form Dragendorff 37.“
5) As des Augustus (?), 28 v. - 14 n. Chr., Fundort bei der Herlingsburg, 1810, FMRD
VI/6069. Verschollen.
6) Dupondius, Münzmeister M. Sanquinius, Rom, 17 v. Chr., nordöstlich der Flur
Römerschanze in Elbrinxen/Lügde, M. Zelle, Lipp Mitteilungen, Detmold 2005, Verbleib
Lippisches Landesmuseum.
7) „Römermünze“ in Amelgatzen östlich von Lügde, FMRD VII/4016 unter Anmerkung:
„ostwärts in der Umgebung von Amelgatzen eine Römermünze (aus Bronze), gefunden zu Hämelschenburg im Besitze des Pastors Morgenstern...“ vgl. auch Bolin, Fynden (28) Nr.
37. Verschollen.
8) Denar in Eime/Gronau, 85 v. Chr., Cra 353, 16 römische Münzen..., S.44., verschollen
9) As des Augustus in Gronau, 16 v. Chr., Rom, 16 römische Münzen...., S. 40 (Karte S.
43). Verbleib: L M Hannover.
10) Denar in Klein Escherde/Nordstemmen, 128 v. Chr., Cra 261/I, 16 römische Münzen.., S. 44. Verbleib: L M Hannover.
11) Denar in Klein Escherde/Nordstemmen, 32/31 v. Chr., Cra 544, 16 römische Münzen..., S. 44. Verbleib: L M Hannover.
12) Wietholz/Vorwohle, Gemeinde Eimen, „Vienna-Münze, 40-36 v. Chr., halbiert, 7,53 g, Fundmelder Konrad Göttig, 2004, Bestimmung durch F. Berger, in NNU, Beiheft 11,
Katalog-Nr. 164, Fundchronik Niedersachsen 2004 (2005), erschienen Februar 2006.
Verbleib: Privat.
Der gleiche Finder barg auf einer anderen Fundstelle in Eimen, in NNU, Beiheft 11,
unweit von der Fundstelle der Vienna-Münze eine Almgren-19-Fibel, Katalog-Nr. 152,
die von römischen Legionären der spätaugusteischen Zeit verwendet wurde.
13) As des Augustus in Altenbergen/Marienmünster, 3/2 v. Chr., Rom, RIC 196, Vs.
Gegenstempel „Caesar“; FMRD VI/6061. Verbleib: LMKK Münster.
14) Lugdunum-As mit Varus-Gegenstempel in Bevern Lobach in einer Quelle als Opferfund, FMRD VII/7035. Verschollen.
15) Nemausus-Dupondius in Vogelbeck/Einbeck, 16-8 v. Chr., Rs. Gegenstempel IMP, 16 römische Münzen..., S. 40. Verbleib: Privat.
16) Denar in Imbshausen, 32/31 v. Chr., Cra 544/14, 16 römische Münzen...., S. 44.
17) Quinar in Kalefeld, 101 v. Chr., Cra 326, 16 römische Münzen...., S. 44.

Anmerkung:

In diesen Fundzusammenhängen sollte der Quellopferfund von Bad Pyrmont erläutert werden:
1863 wurde unter der Obhut des Darmstädter Geologen Rudolph Ludwig ein umfassendes Inventar an Quellopferfunden aus den ersten fünf Jahrhunderten n. Chr. im Bad Pyrmonter Brodelbrunnen gefunden. Darunter befinden sich Fibeln aus der Spätlatene- und aus augusteischer Zeit wie z. B. die Fibeln Typ Almgren 15, 19, 22, 45, die sämtlich anderenorts in römischen Fundzusammenhängen geborgen werden konnten. Besonders zahlreich sind z. B. die Fibeln Almgren 19 im Römerlager Haltern gefunden worden. Es ist nicht auszuschließen, dass die in Pyrmont gefundenen Fibeln aus dem vermuteten Großlager stammen könnten, das dann nur wenige hundert Meter westlich seinen Anfang genommen hätte. Verbleib des Quellopferfundes im Schloßmuseum Bad Pyrmont. Literatur: Ergänzungsbände Hoops RGA, Bd. 20. Weiter R. G. Teegen, Studien zu dem kaiserzeitlichen Quellopferfund von Bad Pyrmont, 1999; Auszüge im Internetbeitrag unter www.hoops.uni-goettingen.de. Schließlich:
F. M. Andraschko/W.-R. Teegen, der Brunnenfund von Bad Pyrmont, Bildheft des Museums im Schloß Bad Pyrmont, Nr. 3, Bad Pyrmont 1988.

Verwendete Abkürzungen:

Cra (Craw) = Michael H. Crawford, Roman Republican Coinage, 2 Bde.,
Cambridge 1974, maßgebliches Zitierwerk.
FMRD = Fundmünzen der Römischen Zeit in Deutschland, z. B. Abt. VI,
6, Detmold, Berlin 1973.
RIC = C. H. V. Sutherland, R. A. G. Carson, The Roman Imperial Coinage,
Volume I, London 1984, viel verwendetes Zitierwerk.

Hinweis zu den auf der Karte (Abb. 2) vermerkten Rechteck-Symbolen für vom Verfasser vermutete römische Lager links der Weser:
Hierzu sind auf der Homepage www.roemerfreunde-weser.info in mehreren Beiträgen Bilddokumentationen und Texte eingestellt worden. Darunter befinden sich nicht die Strukturen auf dem Infrarot-Foto von Alfons Koch, Fürstenberg, vom Gelände der Großen Stahler Masch, die jedoch in diesem Beitrag in Abb. 1 vorgestellt werden.

Rolf Bökemeier (2006), Mitglied im F.A.N.







Abb. 2 - Münzkarte Karte der Münzlokalisationen von Rolf Bökemeier (Zur Vergrößerung bitte anklicken)