„Das Ende einer Grabungsära: Anreppen“ war das Thema eines anschaulichen Diavortrags anlässlich der Jahreshauptversammlung des FAN am 5.3.2005, gehalten von Dr. Johann-Sebastian Kühlborn aus Münster, dem für die langjährigen großflächigen Ausgrabungen u.a. der römischen Lippelager Oberaden (mit Beckinghausen), Haltern und eben auch Anreppen verantwortlichen Referatsleiter Provinzialrömische Archäologie am Westfälischen Museum für Archäologie. Das ca. 23ha große Standlager Anreppen wurde durch einen glücklichen Zufall 1967 entdeckt. Von 1988 bis Ende 2004 wurden weite Flächen im Zentrum und zuletzt vorwiegend im Ostteil des offenbar mehrphasigen Lagers untersucht. Dabei traten u.a. zu Tage: ein offenbar für besondere Repräsentationsaufgaben errichtetes außerordentlich großes Prätorium, bei dem der Ausgräber im Einklang mit Velleius Paterculus II, 105 an Tiberius denkt (Winterlager in Germanien 4/5 n.Chr.); ferner ein Wirtschaftsgebäude (fabrica), ein großer Speicher (horreum) und Mannschaftsunterkünfte an der südlichen Wallstraße, dagegen leider nicht der gesuchte zugehörige Hafen. Dafür wurde sensationellerweise in den allerletzten Jahren in der Nähe des Osttores mit fünf oder sechs Speichern (der größte 20,5 x 37,25m) eine gesondert eingegrenzte richtige „Speicherstadt“ aufgedeckt, deren enorme Lagerungskapazität keineswegs mit dem Eigenbedarf der Anreppen-Garnison erklärbar ist, zumal im mit 18ha nur wenig kleineren Hauptlager in Haltern nur ein einziges Speichergebäude existiert hat. Dr. Kühlborn interpretiert Anreppen daher als Versorgungsbasis für im auf die Weser gerichteten östlichen Raum operierende Truppen. Dass eine allem Anschein nach römische ca. 27m breite Straße etwa 500m östlich des Lagers anhand begleitender Straßengräben festgestellt werden konnte, ist in diesem Zusammenhang ebenfalls bemerkenswert. Zur Datierung des Lagers verwies der Referent auf die dendrochronologische Auswertung der Hölzer eines Brunnens im Lagerinneren und einer Mannschaftslatrine: 5 n.Chr. Nicht festlegen wollte er sich trotz Nachfrage jedoch auf das wichtige Enddatum, das er aber ausdrücklich nicht mit dem auch in der Fachwissenschaft wieder umstrittenen Enddatum Halterns (bisher mehrheitlich 9 n.Chr.; jetzt jedoch wieder tiberisch?) gleichsetzt. Neben der Keramik spielt hierbei die befremdliche Tatsache eine Rolle, dass von den immerhin 410 Anreppener Fundmünzen keine einzige die z.B. für Haltern und Kalkriese so charakteristischen Gegenstempel IMP mit Lituus (Augurstab) und VAR aufweist. Daraus (etwa mit Chantraine) zu schließen, dass Anreppen eben vor 9 n.Chr. friedlich aufgelassen worden sei, würde – nur ein Gegenargument –den ohnehin ziemlich engen Belegungszeitraum (seit 4/5 n.Chr.) noch weiter einengen. Jedenfalls bleibt abzuwarten, ob die von Dr. Kühlborn für 2008 avisierte Anreppener Grabungsveröffentlichung klärt, ob sich Anreppen als neuer Dreh- und Angelpunkt der Datierung der Lippelager eignet und in dieser wichtigen und nicht zuletzt auch für Kalkriese bedeutsamen Funktion Haltern ablöst.
Wilhelm Dräger
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Dr. Johann-Sebastian Kühlborn
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