Große Jahresexkursion der Römer-AG nach Nimwegen und Xanten

Vom 22. – 25. September 2005 führte die Jahresexkursion der Römer-AG zwölf Teilnehmer nach Nimwegen und Xanten – für die Archäologie der Römer bedeutsame Orte, die zwar außerhalb Niedersachsens liegen, aber für die römischen Feldzüge in den Norden des „freien“ Germanien von 12 v.Chr. bis 16 n.Chr. von Wichtigkeit sind. Die Ziele der Exkursion bestanden darin, über die Geschichte der beiden archäologisch Stätten Näheres zu erfahren, über neueste Ergebnisse der Forschung informiert zu werden und neue Kontakte zu knüpfen.
Dass diese Ziele zumindest in Nimwegen erreicht wurden, lag vor allem an der engagierten Führung durch die Herren Robin Jansen und Will Brouwers von der Stiftung Chariovalda, die unsere Gruppe sachkundig an den zwei Tagen begleiteten und auf die zahlreichen Fragen ausführlich Rede und Antwort standen.





Der Nachmittag des 22. September führte die Gruppe zunächst zum Gelände der nach dem Bataveraufstand 69/70 n.Chr. entstandenen und vom Kaiser Trajan kurz nach 100 n.Chr. mit Marktrecht ausgestatteten Siedlung und späteren Stadt Ulpia Noviomagus im Westteil der gegenwärtigen Stadt. Das Gelände ist heute zwar vollständig überbaut, doch werden im Zusammenhang mit der Erneuerung von Nimwegen-West die Baumaßnahmen seit 1990 archäologisch begleitet, was zur Revision des bis dato gültigen Bildes von der Entwicklung der römischen Stadt geführt hat. Im archäologisch am besten untersuchten Gebiet am Maasplein sind die Grundmauern zweier größerer Tempel und zahlreicher an diese angrenzenden Läden oder Handwerksbetriebe (andere Deutung als Priesterwohnungen) gefunden worden. Die Grundrisse dieser Gebäude hat man bei der Wiederbebauung zur Veranschaulichung im Pflaster der Straßen festgehalten. Ein Badegebäude und ein weiterer Tempelkomplex sind ebenfalls lokalisiert, ihre Reste aber unter Industrieanlagen verborgen.





Am Vormittag des 23. September stand zunächst ein Besuch der gegenwärtig durchgeführten Grabung im Gebiet des vorflavischen „Oppidum Batavorum“ mitten in der heutigen Stadt auf dem Programm. Dabei konnte unsere Gruppe die Untersuchung einer Abfallgrube (ursprünglich wohl ein Brunnen) verfolgen, die zahlreiche Funde von Scherben und Metallteilen zu Tage brachte. Als „sensationelles“ Ergebnis bezeichneten die beiden Führer den Fund einer Bebauung aus der Zeit nach 70n.Chr. Er widerlegt die bisher gültige Auffassung, dass das Gelände des beim Bataveraufstand zerstörten Oppidum nicht wieder besiedelt wurde. Nach einer Kaffeepause folgte die Führung durch die römische Abteilung des Museums „Het Valkhof“, bei der die Funde im Mittelpunkt des Interesses standen, die aus Grabungen auf den von den Römern militärisch genutzten Flächen des Hunerbergs und von Kops Plateau stammten. Besonders eindrucksvoll waren Helme, Waffen und andere militärische Geräte. Aber auch Grabsteine und die Münzfunde fanden Erklärung. An Hand eines Modells wurden die auf den Arealen ermittelten Gebäude veranschaulicht. Nicht verzichtet wurde auch auf eine hervorragend erhaltene, allerdings aus Xanten stammende Skulptur, die nach Meinung der Nimweger ein Portrait des Kaisers Trajan darstellt – eine Meinung, die jedoch in Xanten, wo eine Kopie im Regionalmuseum steht, nicht geteilt wird, wie sich am folgenden Tag herausstellte.





Nach einem kurzen Lunch im Museum folgte ein Besuch auf dem „Valkhof“ mit den Überresten einer karolingischen, später auch staufischen Pfalz, in der Säulen römischen Ursprungs verbaut sind. Anschließend führte eine kurze Fahrt per Auto nach Kops Plateau, das – anders als der Hunerberg mit einem großen Legionslager – nicht bebaut ist und nach gegenwärtigem Stand auch nicht bebaut werden wird. So konnte , auch wenn an der Oberfläche nichts zu sehen ist, ein Eindruck vom Gelände gewonnen werden, das allein schon deutlich werden ließ, warum die Römer hier ihre militärischen Anlagen errichteten, vor allem in augusteischer Zeit ein Kommandozentrum, von dem aus die Feldzüge des Drusus koordiniert wurden. Die Möglichkeit, dass auch Tiberius und Varus(!) hier Quartier bezogen, gilt mehr als wahrscheinlich. In unmittelbarer Nähe gefundene Lager von Hilfstruppen könnten in Zusammenhang mit den Feldzügen des Germanicus stehen. Die strategisch günstige Situation von Kops Plateau wird dadurch unterstrichen, dass bei einer laufenden Grabung ( auch diese war für die Gruppe zugänglich) am Rande des Plateaus nicht nur ein römischer Handwerksbetrieb in der Nähe einer bereits festgestellten Markthalle zu Tage gekommen ist, sondern auch eine Reihe von Spitzgräben aus napoleonischer(!) Zeit.
Die Führung in Nimwegen fand schließlich ihren Abschluss in einem Café, in dem Robin Jansen und Will Brouwers bis in den Abend hinein dem Wissensdurst einiger Exkursionsteilnehmer standhielten und für Gespräche zur Verfügung standen.





Nachdem am nächsten Morgen der Standortwechsel nach Xanten mit der Quartiernahme im Hotel Nibelungenhof erfolgt war, erwartete die Teilnehmer am Sonnabend ein dicht gedrängtes Programm. Es begann mit einer Führung im Regionalmuseum Xanten, die einen Überblick über die Lage und Entwicklung der militärischen Anlagen und der Zivilstadt der Colonia Ulpiana Trajana (CUT) verschaffen sollte. Hier konnte erst auf Nachdruck erreicht werden, dass die Führung von der üblichen Routine abwich und die im Untergeschoss des Museums ausgestellten – militärischen -Funde einbezogen wurden, die wiederum in erster Linie interessierten!
Nach Gelegenheit zu einem kurzen Mittagessen trafen sich die Teilnehmer dann zur Besichtigung des Archäologischen Parks d.h. der Reste der CUT. Auch hier erschöpfte sich die Führung weitgehend in Routine. Auf unsere Fragen nach den Ergebnissen der von Karl Heinz Lenz vorgenommenen Untersuchung der militärischen Ausrüstungsteile vom Stadtgebiet der CUT erhielten wir leider nur unbefriedigende Antworten. Die Führung war nicht über die festgestellten Kohorten- und Auxiliarkastelle und den dazugehörigen vicus sowie den flavischen Hafen und ihre Lage auf dem Gelände informiert. Immerhin waren die Auskünfte zu den Original-Fundamenten des teilrekonstruierten Tempels und zum Amphitheater recht aufschlussreich; auch die Informationen über die Erweiterung des Parks – ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kolonie gehört noch nicht dazu – fanden Aufmerksamkeit. Dazu bot die Kürze der Führung anschließend den einzelnen Teilnehmern Gelegenheit, das Gelände des Parks auf eigene Faust zu erkunden.





Die letzte Führung des Tages galt dem Märtyrergrab in der Krypta des Xantener Doms, das der Stadt den heutigen Namen gab (Ad Sanctos Xanten), und dem Dom selbst. Die junge Dame, die uns führte, stammte aus Budapest und erfrischte uns bei ihren Erklärungen mit einem überraschenden, aber nicht unsympathisch klingenden ungarischen Akzent. Die heutige Gestalt der Krypta beinhaltet nicht nur das Grab der Märtyrer, die der Legende nach für ihren christlichen Glauben im Amphitheater von Vetera I ihr Leben ließen, sondern auch die Gedenkstätte für einige Kämpfer gegen den Nationalsozialismus, die für ihren Widerstand ebenfalls mit dem Leben bezahlten.
Der Sonnabend schloss mit dem gemeinsamen Abendessen im Restaurant Neumeyer, das nicht nur dem leiblichen Wohl, sondern auch und vor allem dem Gedankenaustausch der Teilnehmer diente und Gelegenheit zu Kritik und Anerkennung bot.





Am Sonntagmorgen setzte sich die Reihe der Besichtigungen in Xanten mit dem Besuch der großen Thermen fort. Hier beeindruckte die gelungen wirkende Kombination von Original und Rekonstruktion. Die aus Stahl und Glas gefertigte Überdachung der ausgegrabenen Reste in der vermuteten Gestalt des Gebäudekomplexes verschafft dem interessierten Laien eine nachhaltige Vorstellung von Ausmaß und Architektur einer Thermenanlage in der Germania Inferior. Das und die gezielten Hinweise der Führerin auf einzelne Besonderheiten der Thermen (Architektur, Funktion und Technik) beeindruckten und führten zu zahlreichen Fragen, die hier auch Antwort fanden.

Den Abschluss der Exkursion bildete ein Besuch des Areals vom Lager Vetera I, untergegangen im Bataveraufstand 69/70 n.Chr. Auf eine ausgiebige Besichtigung des Geländes wurde zwar angesichts des sich verschlechternden Wetters verzichtet, doch gewannen die Teilnehmer einen Eindruck von der Ausdehnung des Lagers und der strategischen Lage. Nicht verzichtet wurde natürlich auf das außerhalb der Befestigungen existierende Amphitheater: es ist das einzige sichtbare Zeugnis des Lagers und hat seinen Bezug zu Xanten in der schon erwähnten Märtyrerlegende.

Die Ergebnisse der Exkursion sind sicherlich unterschiedlich zu beurteilen; sie bot jedoch zahlreiche Informationen, interessante Erlebnisse und Begegnungen, so dass der Blick über die Grenzen des eigenen Arbeitsgebietes der Römer-AG hinaus seine Berechtigung findet.



Bericht: Wilfried Haase (2005)
Fotos: Bernd Liermann (2005)