Römer zwischen Ems und Elbe – Bewegungslinien und Präsenzpunkte
So lautete der Titel des wissenschaftlichen Kolloquiums zu Forschungsstand und Perspektiven, das am 25. und 26. April im Industrie Museum Lohne stattfand.
Nach der Begrüßung durch die Museumsleitung und organisatorischen Hinweisen durch Wilhelm Dräger vom vierköpfigen Vorbereitungsteam eröffnete Prof. Dr. Horst Callies als Moderator des ersten Tages das Kolloquium mit einleitenden Überlegungen zum Thema der Tagung: Ihr Sinn bestehe darin, möglichst viele Experten in Kontakt zu bringen, um gegenseitig Erkenntnisse aus den Bereichen Westniedersachsen, Lippe/Ostwestfalen und Hessen/Südniedersachsen auszutauschen und diese der Diskussion auszusetzen. Generelles Ziel sei es, großräumig die römischen Aktionsfelder auszumachen und Genaueres über Aktionswege und Aktionsorte in Phasen der Eroberung, der Sicherung und der Verteidigung, orientiert an der Fülle der Funde, zu erfahren: Vormarschwege nach Osten, Verbindungen Ems-Lippe, Zusammenhang der Kommunikationswege, Schlachtorte und ihr Vergleich. Zu erreichen seien größere Detailkenntnisse (auch als Hypothesen) im Zusammenhang historischer und archäologischer Forschungen. Schließlich gehe es darum, die römische Präsenz in der Fläche (militärisch, zivil und administrativ) zu verdeutlichen. Gelänge dies, würde es zur Erhellung der römischen Okkupationsmethoden, der germanischen Reaktion darauf und der Reaktionen der römischen Seite auf die germanischen Eigenarten beitragen. Die Einzelthemen ordneten sich strukturiert dem Gesamtthema unter (Funde – Marschwege – Funktion – Ziele der Römer) und sollen zu sinnvollen Forschungsstrukturen, Forschungswegen und Forschungsstrategien beitragen.
Den ersten Vortrag hielt Prof. Dr. Rainer Wiegels mit dem Thema: „Besiegt sind alle Völker zwischen Rhein und Elbe“ – Die Elbe als Ziel römischer Germanienpolitik. In einem ersten Abschnitt setzte er sich mit der Fragestellung und dem Forschungsgegenstand auseinander: Gegen Ende der Republik war die Elbe den Römern nur schemenhaft (Händlerwissen) bekannt, auch war sie schon am Ende des 1.Jhs. n.Chr. wieder weitgehend aus dem Bewusstsein des politischen Establishments verschwunden. Daran änderte sich auch später nichts grundlegend. Der Zeitraum, in dem die Elbe sich im engeren römischen Blickfeld befand, umfasst also nur etwa 25 - 30 Jahre, beginnend mit den Feldzügen des Drusus (12 - 9 v.Chr.). Das Ende markiert der Germanentriumph des Germanicus im Jahre 17 n.Chr. Für die Fragen: Welche letztgültigen Absichten sind hinter den Vorstößen zu erkennen? Werden Leitlinien hinter ihnen sichtbar? oder Trafen die Römer pragmatische Entscheidungen, bei denen sich ihre Ziele hinsichtlich des Gebiets zwischen Rhein und Elbe änderten? sind Lösungen nur in Ansätzen zu erkennen. Die Forschung ist gekennzeichnet durch viele Kontroversen, die auch weiterhin bestehen bleiben, es sei denn, Neufunde ergäben neue Aspekte. Die Auffassungen reichen vom Verständnis der römischen Feldzüge als Demonstration oder sogar nur aufklärerischen Charakters mit dem Zweck der Sicherung der Rheingrenze bis hin zur Sicht als Aktionen mit dem klaren Ziel der dauerhaften Okkupation und Schaffung einer neuen Grenze zur Verbesserung der Kommunikationslinien zwischen Nordsee und Donauraum. Im zweiten Teil seines Beitrags führte Prof Wiegels aus, die Römer hätten dreimal die Elbe erreicht, zuerst Drusus 9 v.Chr.. Die Niederlage des Lollius 16 v.Chr. gab vielleicht den Anlass zu offensiverem Vorgehen gegen die Germanen, in dessen Verlauf Drusus die Germanenpolitik neu ausformte. Primäres Ziel war dabei die Sicherung der Rheingrenze und eine wirksame Kontrolle der germanischen Strukturen. Drusus’ Vorstoß, ausgelöst durch den Einfall der Sugambrer, war langfristig geplant: 12 v.Chr. agiert er gegen die Friesen und erreicht die Ems, 11 die Weser, 10 stößt er nach dem Abfall der Chatten von Mainz aus vor, 9 v.Chr. erreicht er mit dem Feldzug gegen Chatten, Sueben und Cherusker die Elbe, errichtet ein Tropaion und kehrt um. 8 v.Chr. ist ein gewisser Abschluss erreicht: Trotz Rückzug wird nicht auf militärische Präsenz verzichtet (Haltern, Waldgirmes). Dennoch ist ein territorialer Anspruch auf das Gebiet zwischen Rhein und Elbe nicht zu belegen. Nachdem Ahenobarbus erneut die Elbe erreicht und dort einen Altar für Augustus hatte errichten lassen, der verboten hatte, die Elbe zu überschreiten, ist v.a. unter Tiberius eine neue Strategie zu erkennen: Geplant war die militärische und zivile Durchdringung des germanischen Gebiets mit dem Ziel einer direkten Kontrolle durch Erhebung von Tributen, Stellung von Geiseln, Truppenstationierungen und Eingreifen in die Stammesverhältnisse. In einer gemeinsamen Aktion mit der Flotte (Sieg über die Langobarden) erreichte auch Tiberius die Elbe. Der Fluss war also zunehmend in das Blickfeld der Römer geraten, die Zangenoperation unterstreicht die Möglichkeit, bzw. sogar die Absicht, den Raum zu beherrschen. Solche Ansprüche endeten aber an der Elbe (Verbot der Überquerung), die damit als Grenzlinie deutlich wird. Die Niederlage des Varus verdeutlicht allerdings, wie prekär die Lage zwischen Rhein und Weser, geschweige denn darüber hinaus, sich darstellte. Unter Germanicus ist eine grundsätzliche Variation des augusteischen Anspruchs nicht zu erkennen. Die Konsequenzen aus der Niederlage des Varus hielten sich in Grenzen, zumal innere Strukturen die germanische Koalition schwächten. Sein Rückruf durch Tiberius beruhte auch auf dieser Erfahrung. Die Germanicusfeldzüge dienten vordringlich der Disziplinierung der Legionen. Arminius konnte nicht entscheidend gestellt oder gar vernichtet werden. Der Aktionsradius im Jahre 15 war eng umrissen: Die Weser wurde nicht erreicht. Das geschah erst im Jahre 16 mit acht(!) Legionen, doch brachten Idistaviso und der Angrivarierwall keine Entscheidung. Als Germanicus den Herrschaftsanspruch der Römer bestätigte, war er schon auf dem Rückzug, verbunden mit großen Verlusten beim Transport der Truppen über See. Die vordringlichen Ziele waren aber mit der Ehrung der Gefallenen der Varusschlacht, der Wiedergewinnung der Feldzeichen und der Sicherung der Grenzen Galliens erreicht. Der Schlussstrich unter den Anspruch auf direkte Einflussnahme in Germanien wird schließlich durch Domitian gezogen. Die Germania Magna bis zur Elbe wurde nie wieder Ziel römischer Eroberungspolitik.
Im zweiten Beitrag versuchten Dr. Joachim Harnecker und Dr. Frank Berger die okkupationszeitliche römische Fundstreuung in Norddeutschland mit Hilfe von Karten- und Bildmaterial zu werten. Dr. Harnecker stellte zunächst den untersuchten Raum als ziemlich fundarm (Ausnahme: Kalkriese) dar. Münzfunde weisen jedoch die römische Präsenz in der Fläche nach und geben Anhaltspunkte für die Aktionswege der Römer. Aufgabe ist, durch Vernetzung der Funde vergleichbarer Münzen die von ihnen benutzten Kommunikationstrassen zu verifizieren. Dr. Berger sieht folgende Schwerpunkte von Fundmünzen aus der Okkupationszeit: 1.Emsbüren: Hier handelt es sich um das „typische Münzfundspektrum“ von Haltern und Kalkriese. Besonders zu erwähnen ist als Fundort Hesselte. 2. Raum Goldenstedt/Diepholz: Dieser Raum ist durch Alt- und Neufunde besonders hervorgehoben (sechs Fundstellen in Diepholz, zwei in Goldenstedt.) 3. Leinetal: Hier gibt es verhältnismäßig viele Neufunde, gerade auch aus augusteischer Zeit. Auffällig ist, dass die Nordseeküste keine Münzfunde aus der Okkupationszeit aufweist, lediglich in später schließenden Horten. Nach Dr. Harnecker lässt sich daraus - vorsichtig - auf eine Emstrasse und zwei Ost-West-Trassen (entlang der heutigen B 213 und am Rand der Mittelgebirge) schließen. Auch die Weser, die Aller und vor allem die Leine – mit Anschluss an die durch Funde belegte Verbindung von der Wetterau über Hedemünden ins Leinetal – kommen als Transportwege in Frage. Weitere Trassenidentifikationen aufgrund von Fundmünzen sieht er nicht. Die Funde in Hesselte mit einer Schwertscheidenklammer und einer Aucissa-Fibel und bei Cloppenburg mit einer Dolabra in Stedingsmühlen sind in militärischem Zusammenhang zu interpretieren.
Nach der Mittagspause referierte zunächst Prof. Dr. Michael Erdrich (Nijmegen, jetzt Lublin) über das Thema: Römische Grenzpolitik am Niederrhein im 1. Jh. Seine Ergebnisse resultieren aus einem Forschungsprojekt im Raum Utrecht – Katwijk mit dem Ziel, die Entstehung und Kontinuierung der Grenzlinie im Rheindelta zu verifizieren und zu verstehen. Die Grenze entsteht im Zwischenspiel Militär – Politik - germanische Stämme, wobei die Römer auf Feldzügen gegen die Germanen Realität kreieren und konservieren. So entsteht schließlich eine permanente Grenze in einer bewegten wechselvollen Landschaft, gekennzeichnet durch Wasser und Morast, in der nur die Uferwälle und Sandflächen besiedelt sind. Hier lagen etwa 5000 in Kastellen ( z.B. Vechten, Velsen, Valkenburg) stationierte Soldaten. Der älteste nachweisbare Limes im Sinne eines Weges stammt aus der Zeit um 100 n.Chr., auch für 125 lässt sich ein Limesweg nachweisen. Für die Zeit davor bleibt der Grenzverlauf völlig unklar. Alle Forts sind nicht als Grenzlager konzipiert, sondern im Kontext von Feldzügen gegründet (Friesenaufstand 28, Chaukenangriffe 40 – 47). Die Kastelle sind ab 40 entweder als Basis für die Englandfeldzüge oder für die Bekämpfung der Chauken angelegt. Noch 55 stehen die Stämme zwischen Ems und Weser unter römischem Einfluss und werden durch Präfekten beobachtet. (Friesenkönige in Rom; Chauken „schlucken“ Angrivarier und Ampsivarier) Mit dem Wechsel der Dynastie 69 wird die Grenze ausgebaut; Kastelle werden jetzt ohne konkreten Anlass errichtet, so dass ein Grenzsystem entsteht, das als Limes im klassischen Sinne bezeichnet werden kann.
Der folgende Beitrag von Dr. Gabriele Rasbach von der RGK setzte sich mit frühen römischen Fundstellen in Hessen und der dortigen Altstraßenforschung auseinander. Bei der Frage nach den Gründen für die Wahl des Standortes Waldgirmes durch die Römer ist von einem Raum mit Auen und Feldern auszugehen, der Einflüssen von Ost und West ausgesetzt war. Der Wechsel von keltischer zu einer germanisch geprägten Bevölkerung ist im einzelnen unklar; Teile der keltischen Bewohner sind vermutlich abgewandert, andere wurden assimiliert. Hier hat also ein Bevölkerungswandel stattgefunden. Die Wetterau dagegen bietet das Bild einer ausgelichteten Landschaft, in der eine Zuwanderung von Osten, aber kein Bevölkerungswandel erfolgte und die von den Römern erschlossen und besiedelt wurde. Die beiden Räume haben also einer ganz unterschiedlichen Entwicklung unterlegen, obwohl sie beide eine Drehscheibe für Menschen, Waren und Nachrichten darstellten. Zur Altstraßenforschung führte Dr. Rasbach aus, im Mittelalter kreuzte eine Straße von Wetzlar kommend bei Waldgirmes die Lahn. Urkundlich belegte Wege gibt es kaum, auch fehlen archäologische Belege für alte Trassen. Offensichtlich haben aber Altstraßen eine lange Tradition – sie führen auf Durchlässe im Limes zu. Für den Raum Waldgirmes ist demnach von einer voll erschlossenen Landschaft auszugehen, die von den Römern genutzt werden konnte, wobei der Ort selbst bekannte Land- und Wasserwege sicherte.
Dr. Klaus Grote referierte anschließend über seine aktuellen Forschungen und Neufunde im augusteischen Stützpunkt Hedemünden an der Werra: An Hand von Karten und Funddokumentationen erläuterte er die vielgestaltige römische Präsenz auf einer Bergkuppe über der Werra, einem in römischer Zeit bis in die Gegend von Meiningen/Salzungen schiffbaren Wasserweg mit einer wichtigen Furt. Funde und Lagerstrukturen belegen eindeutig den römischen Ursprung des früher für eisenzeitlich gehaltenen Ringwalls. Der Lagerwall 1, ausgeführt als Holz-Erde-Konstruktion, lässt sich im Gelände noch sehr gut erkennen. Am Südtor ist eine Trockenmauer nachgewiesen. Magnetometermessungen haben ergeben, dass die inneren Lagerstrukturen schräg zur Wallanlagenachse ausgerichtet sind, einige Strukturen werden durch Steinsetzungen oder durch römische Metallfunde (charakteristische Verteilung von Krampen und Zeltheringen) deutlich. An Militaria sind Pila, Hastae und Katapultbolzen, vor allem aber eine Fülle von Sandalennägeln gefunden. Bislang schwer erklärbar sind Funde aus dem Horizont unter dem Wall. Der Zentralbau wird durch Münzen (Nemausus-As) datierbar. Die gefundene Keramik ist zumeist südspanischen und treverischen Ursprungs.
In seinem zweiten Beitrag befasste sich Dr. Grote mit dem Thema: Römischer Marschweg, Posten und Kleinlager im Umkreis von Hedemünden. Aufgrund vorgeschichtlicher Funde in der Umgebung handelt es sich bei dem Ort um einen alten Verkehrsknoten (z.B. bronzezeitliche Grabhügel im Osten). Aus den Funden lässt sich die Wegeführung von der Fulda über Hedemünden ins Leinetal und weiter ins nördliche Harzvorland rekonstruieren. Auf dieser Trasse haben sich sowohl nach Süden wie nach Norden (Möllenfelde, Posten auf der Passhöhe ins Leinetal) zahlreiche römische Funde ergeben (v.a. Sandalennägel in großer Zahl). In Richtung Fulda/Kassel ist an der Trasse ein römisches Kleinlager auf dem Aufstieg zum Pass bei Oberode erkennbar. Zu untersuchen bleibt der weitere Verlauf der Trasse nach Norden und ihre Bedeutung für den römischen Vormarsch v.a. in der Drususzeit und eventuell auch später.
Anschließend befasste sich Dr. Bettina Tremmel vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe als Bearbeiterin der Metallfunde in Anreppen mit der Frage „Legionäre oder Auxiliare? Die Aussagen der Militaria von Anreppen“. Sie versuchte die über 100 Fundstücke an Militaria Legionären oder Auxiliartruppen zuzuordnen, um die Frage zu klären, welche Truppenteile im Lager vorherrschend stationiert waren. Auf die Funktion des Lagers bezogen, wies sie auf die ungewöhnlich zahlreichen Speicher im Lager hin, das somit offensichtlich seit Tiberius als Versorgungslager für die Truppen an der Front im Osten diente. Die Frage, welche Truppenteile dort und wann im wesentlichen stationiert waren, lässt sich nach den Funden noch nicht eindeutig beantworten. Ebenso wenig sind bestimmte Lagerbereiche den genannten Truppenteilen fest zuzuordnen. Auf die äußerst wichtige Frage des Enddatums von Anreppen, ob nämlich das Lager möglicherweise bis zur Katastrophe des Varus 9 n.Chr. bestanden hat, lässt sich z.Zt. noch immer keine gültige, d.h. belastbare Antwort geben.
Den Abschluss der Vorträge des ersten Tages bildete der Beitrag von Dr. Michael Zelle vom Lippischen Landesmuseum Detmold: Überlegungen zur römischen Präsenz in Ostwestfalen-Lippe und im Weserbergland zur Okkupationszeit. Vom Rhein aus sind die Wetterau und das Lippetal als Vormarschlinien der Römer klar rekonstruierbar, deren Präsenz in der Fläche bleibt aber weitgehend im Dunkeln, vor allem, welche Gebiete ihnen direkt unterstanden. Für die Wetterau und das Lahntal ist sie als sicher anzunehmen. Der Weserraum war zumindest zeitweise als cheruskisches Gebiet das wichtigste Operationsfeld der Römer. Neufunde, vor allem Münzfunde, machen diese Interpretation möglich, doch ist deren Ausssagekraft durch manchmal fehlenden Fundzusammenhang etwas relativiert. Auffällige Fundkonzentrationen sind jedoch festzustellen: in der Paderborner Bucht, an den Passübergängen über die Egge, im Diemeltal, im Emmertal, im Wesertal von der Porta bis Petershagen, im Raum Hannover/Hildesheim und im Leinetal. Bei diesen Fundkonzentrationen sind Trassen und Zielräume zu unterscheiden. Das Diemeltal, die Passübergänge und das Emmertal sind als Verkehrstrassen zu interpretieren, das Ravensberger Hügelland, der Raum nördlich der Porta und das Gebiet südlich von Hannover als Zielgebiete. Die Trassen decken sich mit alten Verkehrswegen, die Zielräume mit Siedlungskammern, in denen römische Präsenz zur Überwachung notwendig war. In diesem Zusammenhang lässt sich auf der Sparrenberger Egge ein römischer Wachtposten festmachen.
Der erste Tag endete mit dem als „Kamingespräch“ angekündigten Gedankenaustausch am gemeinsamen Abend in aufgeschlossener Atmosphäre.
Am Samstag übernahm der Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann die Moderation und eröffnete den Tag mit Überlegungen zu einem niedersächsischen Forschungsschwerpunkt zu den römisch-germanischen Kontakten um die Zeitenwende. Er ging dabei zunächst auf die Probleme der archäologischen Denkmalpflege ein, ohne die Forschungsansätze seiner Ansicht nach zum Scheitern verurteilt sind: Die völlig unzureichende personelle Ausstattung der Denkmalpflege bei der Größe des Landes Niedersachsen und dessen „Ausfransen“ im Süden erschweren die Arbeit ungemein. Notwendig ist dennoch ein Ausgreifen der Forschung über die Landesgrenzen hinaus . Den Raum Lippe-Rhein-Ems-Nordsee-Leinetal als Ganzes zu betrachten, ist unverzichtbar. Bedingt durch die kurzfristigen Aufenthalte der Römer gibt es verhältnismäßig wenig Relikte. Dazu machen die Überlieferungsbedingungen das Erkennen dieser Überreste ausgesprochen schwierig. Bauliche Spuren bilden sich kaum im Boden ab, da die Landschaft in den letzten 150 Jahren kulturell stark überprägt ist, wie ältere Karten belegen. Sie sind nur erhalten, wenn sie durch Sand überweht oder von Esch bedeckt wurden. Bei Mooren gibt es spezifische Schwierigkeiten, an den Fundhorizont der römischen Kaiserzeit zu gelangen. Großflächiger Sand- oder Kiesabbau stellt ein Riesenproblem dar, hier wird die alte Oberfläche in erschreckend hohem Maße abgetragen. Wo römische Lager an strategisch wichtigen Punkten vermutet werden, müssen jegliche Baumaßnahmen, auch innerstädtische, archäologisch begleitet werden, wie es z.B. bei Pipelinetrassen schon geschieht. Bereits im Planungsverfahren muss die Archäologie frühzeitig eingebunden werden. Nach der Kommunalisierung der Denkmalpflege sind riesige Flächen archäologisch nicht ausreichend betreut, deshalb ist das bürgerschaftliche bzw. ehrenamtliche Engagement notwendig und wichtig. Mögliche Fundorte sind zu kartieren und systematisch zu inventarisieren, eine Erforschung der Altstraßen, eine umfassende Flugprospektion, der Einsatz geophysikalischer Methoden und eine systematische Detektorprospektion mit geschulten und auch betreuten Kräften sind unerlässlich.. Dabei sind die einzelnen Ergebnisse in eine sinnvolle Struktur einzubetten und Schwerpunkte der Arbeit zu definieren. Regelmäßige Treffen unter Einbeziehung der ehrenamtlich Tätigen sind für einen intensiven Austausch unabdingbar.
PD Dr. Günther Moosbauer beschäftigte sich in seinem Beitrag mit den Möglichkeiten für ein niedersächsisches Forschungsprojekt „Römer in Nordwestdeutschland“ an der Universität Osnabrück. Er hält es für sinnvoll, an der Universität Osnabrück Forschungen zur römischen Kaiserzeit und zu den Germanen anzusiedeln und einen neuen Studiengang mit dem Schwerpunkt Archäologie einzurichten. Das Forschungsprojekt beinhalte z.B. auch Archivarbeit, Kooperation mit der Denkmalpflege, Übungen zur Feldbegehung und zu Prospektionsmethoden. Durch das Einbinden naturwissenschaftlicher Disziplinen entsteht ein Beispiel wissenschaftlicher Integration. In der Kooperation mit den ehrenamtlichen Beauftragten kann deren Ausbildung in der kaiserzeitlichen Forschung mit übernommen werden und lokale Gegebenheiten in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Römische Funde sind manchmal nur schwer zu interpretieren. Hinsichtlich der Frage, ob der Fundniederschlag von den Römern stammt oder von Germanen mitgebracht wurde, bedarf es weiterer Prospektion und Nachgrabungen. Die „Manpower“ wäre hier von der Universität zu stellen. Die finanzielle Seite kann mit Hilfe „Pro Niedersachsen“ und/oder Lottofördermitteln zur Förderung geisteswissenschaftlicher Kooperation geregelt werden. Zur Steuerung des Projekts sind Hochschulpartner gewollt und Voraussetzung für die Förderung..
Nach einer Kaffeepause erfolgte eine Führung durch die moorarchäologische Abteilung des Industrie Museums, wo der Museumsleiter ganz kurz auf den Beginn der Moorwegforschung Anfang des 19. Jhs. durch den damaligen Lohner Vogt Nieberding hinwies. Bernd Hamborg, Vizepräsident der numismatischen Gesellschaft zu Hannover, erläuterte dann die von ihm selbst aufgebaute und betreute Ausstellung römischer Münzen der Republik bis Tiberius. Besonders hob er das Museumsanliegen hervor, sämtliche in der „Dümmerniederung“ bekannt gewordene, jetzt leider z.T. verschollene römische Münzen bis zur Okkupationszeit durch sorgfältig ausgewählte Sammlerstücke zu „rekonstruieren“ und zu publizieren. Zu den drei einzigen „Überlebenden“ der seit 1945 verschollenen berühmten Barenau-Sammlung, einer Dauerleihgabe des Kestnermuseums in Hannover, übergab er das Wort an Dr. Berger als damaligen Museumskustos zur Geschichte der Wiedergewinnung aus dem Münzhandel der Schweiz.
Anschließend ergänzte Dr. Erwin Strahl seine Ausführungen vom Kolloquium in Lingen 2006 mit Ergebnissen seiner aktuellen Grabung im Komplex Bentumersiel unter dem Titel: Die Dame von Bentumersiel. Im Komplex werden gegenwärtig zwei Siedlungen der frühen römischen Kaiserzeit ausgegraben, in Bentumersiel eine auf flachem Gelände angelegte, ganz in der Nähe in Jemgum eine Wurtensiedlung. Somit stellt sich die Frage nach der Funktion dieser beiden Siedlungen nebeneinander. Während in Jemgum auf der Wurt „normale“ Wohn- und Stallgebäude ermittelt wurden, haben die Grabungen in Bentumersiel Häuser eines ganz anderen Typs ergeben, wobei die Ausgrabungen noch keine eindeutige Klassifizierung zulassen. Möglicherweise lässt sich die Flachsiedlung als nur zeitweise bewohnt (Sommerweide? Stapelplatz?) interpretieren, während Jemgum als ganzjährig bewohnt anzusehen ist. Bei der „Dame von Bentumersiel“ handelt es sich um einen im Block geborgenen Grabfund mit mehreren Gefäßen, einer Kanne und einem Kilo geschmolzenes Glas. Die Bestattung mit römischen Bronzegefäßen etc. stammt aus der späteren Kaiserzeit. Es handelt sich um ein germanisches Grab, das – für diese Gegend eher ungewöhnlich, weiter östlich dagegen häufig – mit hochwertigen römischen Importstücken ausgestattet wurde. Es hat nichts mit den frühkaiserzeitlichen römischen Funden aus der Siedlung zu tun, deren Herkunft nach wie vor fraglich ist (römisches Lager; Strandräubertum ?). Auch die Ursache für die Existenz zweier Siedlungen in unmittelbarer Nähe und ihre Funktion bedarf nach wie vor weiterer Untersuchungen.
Zu seinem Beitrag „Zu den Fundstellen der römischen Münzen des Kalkriese-Horizontes in der Umgebung des Tagungsortes Lohne“, also der Münzen, die bis zum Ende der römischen Okkupationszeit in den Boden der „Dümmerregion“ kamen und zwischen 1895 und 2000 wieder ans Licht, von Bernd Hamborg soeben in der Ausstellung in „Rekonstruktion“gezeigt, verwies Wilhelm Dräger mit Rücksicht auf die fortgeschrittene Zeit auf das für April 2010 wieder in Lohne geplante Folgetreffen, bei dem er dann auch auf die Münzneufundstellen Diepholz-St.Hülfe und Jacobidrebber eingehen wird.
Am Ende der Tagung zog Prof. Callies ein vielbeachtetes Resumée der Tagung: Zwar standen auch einzelne Fundorte, insgesamt aber die Fläche im Blickpunkt. Die Elbe ist im Verlauf der Operationen des Drusus verstärkt in den Blick der Römer geraten, im Jahre 9 v. Chr. schließlich erreicht worden, doch lässt sich daraus kein territorialer Anspruch ableiten. Nach der Zeitenwende spielte der Fluss für den vorgestellten Bereich der befriedeten germanischen Stämme im Bewusstsein der Römer eine Rolle. Er diente aber wohl mehr als Orientierungsmarke denn als lineare Grenze. Die Römer hatten sich bei ihrem Vordringen bereits vorhandener Kommunikationswege, Knotenpunkte und Überwachungsorte bedient und auch bereits erschlossene Bereiche (Waldgirmes) genutzt. Hedemünden ist in diesem Zusammenhang als augusteischer Stützpunkt auf einem Vormarschweg SW/NO anzusehen. Hier lassen sich eindeutig vorrömische und römische Kommunikationswege verfolgen. Der dortige Fundreichtum weist eventuell auf ein militärisches Materialdepot. Es macht Sinn, diese Kommunikationswege in der Forschung weiter zu verfolgen. Dies unterstreicht die Anzahl besonders der Münzneufunde im Leinetal. Die Oberweser scheint keine Vormarschtrasse gewesen zu sein. Die Leere des Küstenraums von Münzfunden der Okkupationszeit ist ein merkwürdiger, noch zu klärender Sachverhalt. Die berichtete Fundkonzentration bei Paderborn, im Diemeltal, an den Passübergängen der Egge und im Emmertal mit Randgebieten im Ravensberger Land und im Leinetal kann mit der Lage an Kommunikationswegen und/oder mit germanischen Siedlungsbereichen erklärt werden; man gewinnt dort den Eindruck von einem flächendeckenden Einfluss der Römer. Beim Lager Anreppen lassen die Fundtypen im Lager auch solche außerhalb des Lagers auf Marschrouten erwarten. Für das Gebiet am Niederrhein ist der Aufbau eines militärisch und politisch gestaffelten, nicht linear gestalteten Sicherheitssystems bis zur Einrichtung der Provinz Germania inferior nachgewiesen worden. Vorclaudische Anlagen sind im Zusammenhang mit konkreten Aktionen zu verstehen. Der Ausbau dieser Grenze hat an verschiedenen Stellen einem Zufallsprinzip unter Berücksichtigung der topographischen Grundsituation unterlegen. Abschließend regte der Berichterstatter an, die Hinweise auf Kommunikationswege, bezogen auch auf ökonomisch genutzte Regionen, weiter zu verfolgen und das Vorgehen der Römer als solches genauer zu untersuchen. Dazu ist das Material unter den genannten Aspekten aufzuarbeiten, woraus sich Entscheidungen für neue Projektbereiche ergeben.
Prof. Callies schloss die Tagung mit dem Dank an das Vorbereitungsteam und nicht zuletzt an die Leiter des Industrie Museums Lohne, die hervorragende Gastgeber gewesen seien.
Wilfried Haase (2008)
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Das Lohner Kolloquium 2008 Die Teilnehmer des wissenschaftl. Kolloquiums "Römer zwischen Ems und Elbe" am 25. und 26. April 2OO8 im Industrie Museum Lohne. Nicht auf dem Foto: Prof. Dr. M. Erdrich, Nijmegen
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