Römer in Nordwestdeutschland
Norddeutschland als Aktionsraum der römischen Einflussnahme im 1. – 3. Jahrhundert
So lautete das Thema des (dritten) wissenschaftlichen Kolloquiums am 23. und 24. April 2010 im Industrie-Museum in Lohne. Nach dem erneut herzlichen Willkommen durch Frau Ulrike Hagemeier, die Leiterin des Museums, in dem schon das voraufgegangene Kolloquium im Jahre 2009 stattgefunden hatte, begrüßte Wilhelm Dräger (Bad Münder) vom Organisationsteam die 32 Teilnehmer und gab kurze Hinweise zur Organisation und zum Ablauf der Tagung. Die Moderation am ersten Tag übernahm der Landesarchäologe Dr. Henning Haßmann (Hannover).
Im ersten Beitrag gab Prof. Dr. Horst Callies (Springe/Hannover) einführende Überlegungen zum Thema der Tagung: Das Kolloquium diene der Erhellung der römischen Präsenz im freien Germanien in den ersten drei Jahrhunderten n.Chr. Es gelte, die Art römischer Präsenz aufzuzeigen, die historischen, militärischen, ökonomischen und politischen Zusammenhänge festzuhalten, sie zu interpretieren und die Grenzen der Aussagemöglichkeiten zu verdeutlichen. Das Treffen von Forschern in informellem Kreis mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Beiträgen biete die Chance, früh Forschungsergebnisse kennen zu lernen, Fragen zu stellen und zu beantworten, Kritik zu üben und zu erfahren, sowie auch ungewöhnliche, neue Gedanken oder Hypothesen auszutauschen und zu diskutieren. Das Thema des Kolloquiums erscheine mit seinen zeitlich, räumlich und thematisch breiteren Beiträgen nicht ohne Sinn. Bisher habe die frühe Kaiserzeit im Blickpunkt gestanden; neue Funde ließen es jedoch angebracht erscheinen, den Horizont auszuweiten. Diese Überlegungen gingen davon aus, dass die offensive Politik der Römer im freien Germanien nicht mit den Jahren 9 bzw. 16 beendet war. Bei seinem Exempel für die Präsenz und das Auftreten der Römer im Germanien der späteren Kaiserzeit ging Prof. Callies von einer Nachricht bei Herodian aus, nach der ein naher Verwandter des Commodus diesen indirekt rügte für dessen friedliche Arrangements mit germanischen Stämmen und dabei am römischen Anspruch auf Germanien bis zum nördlichen Ozean festhielt. Das wirft ein kennzeichnendes Bild auf die Erinnerungen und die Befindlichkeit der römischen Oberschicht hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Römern und Germanen. Eine Generation später – unter Caracalla – kam es zu massiven Auseinandersetzungen mit den Germanen an der Rheingrenze. Inwieweit die Römer dabei präventiv agierten oder auf einen Einfall der Chatten reagierten, bleibt unklar. Es kam jedoch durch Caracalla zu umfangreichen Maßnahmen, verbunden mit dem Einsatz von Vexillationen, d.h. Legionsabteilungen aus anderen Gegenden, und Spezialeinheiten beim Vordringen in die Wohngebiete der Chatten. Eine Nachricht bei Cassius Dio, wonach am Meer siedelnde Stämme Gesandte zu Caracalla schickten, um Verträge baten und auf Geldzahlungen hofften, deutet auf Verbindungen der Römer bis weit nach Germanien hinein hin. Nach 212/13 herrschte im Wesentlichen Ruhe an der Rheingrenze; die Maßnahmen Caracallas – militärische Demonstrationen, Verträge und Geldzahlungen – hatten offenbar den gewünschten Erfolg. Wiederum erst gut zwanzig Jahre (erneut etwa eine Generation) später drangen germanische Gruppen zerstörerisch in die Wetterau und nach Rätien ein und zwangen Alexander Severus zum Eingreifen. Erneut kam es zu einer Truppenmassierung am Rhein, wieder werden Spezialeinheiten erwähnt, doch entschied sich der Kaiser zugleich für Verhandlungen mit dem Gegner, was letztlich zu seiner Ermordung durch die kampfgierigen Soldaten führte. Sein Nachfolger Maximinus Thrax setzte den Limes instand und den Aufmarsch fort und fiel mit einem riesigen Heer (so Herodian) tief in Germanien ein, wobei unklar bleibt, in welche Richtung die Aktionen erfolgten. Die Zerstörungen in der Wetterau und Rätien hielten sich in Grenzen oder waren zumindest nicht nachhaltig; insofern erscheint der militärische Aufwand als übertrieben. Der Feldzug bis ins tiefere Germanien hinein ist demnach nicht als Racheaktion, sondern eher als politische Demonstration mit militärischen Mitteln zu interpretieren. Die Nachricht bei Herodian, Maximinus habe gedroht, die Germanen bis zum Ozean zu unterwerfen, ist als Topos anzusehen. Erreicht wurde jedoch, dass wiederum erst ca. zwanzig Jahre später neue erhebliche Probleme an der römisch-obergermanischen Grenze auftraten, die dann letzten Endes zur Aufgabe der rechtsrheinischen Gebiete führen sollten. Für den betrachteten Zeitraum lässt sich also festhalten, dass es mehrfach – eher präventive – Militäraktionen gab, offenbar auch tief nach Germanien hinein, dass aber die römische Seite neben den militärischen zugleich mit diplomatischen und materiellen Mitteln vorging. Auf der Seite der Germanen wiederum bestand durchaus ein Interesse an Abmachungen mit den Römern. In der Aussprache wies Dr. Frank Berger (Frankfurt) darauf hin, dass Geldzahlungen Caracallas sich nicht durch Münzfunde nachweisen lassen. Prof. Dr. Michael Erdrich (Lublin) nannte den „Generationsabstand“ zwischen den Unruhen an der Grenze bemerkenswert. Hier sei es notwendig zu fragen, welche Auswirkungen die römischen Aktionen auf die Germanen hatten, z.B. einen Führungswechsel?
Im zweiten Beitrag berichtete Dr. Joachim Harnecker (Osnabrück) über die Aktivitäten der archäologischen Gruppe Lingen, die für das Zustandekommen des ersten Kolloquiums 2007 mit maßgebend waren. Darauf stellte er mit Hartmut Oosthuys (Lingen) neue Funde vor und erläuterte die verschiedenen Fundbereiche im Emsland. In Hesselte gebe es Neufunde aus der frühen Kaiserzeit (ein Serratus; eine Fibel vom Typ Almgren 22) und aus späterer Zeit Stammendes. In Geeste gebe es den Fund eines Denars des 3. Jhs. sowie eines neuen Schleuderbleies aus der Emsaue (neben den fünf bereits 2007 vorgelegten Schleuderbleien aus Kottbree). Am neuen Fundort Ellbergen stamme die Reihe von Neufunden aus dem Zeitraum Ende 1./Anfang 2. Jh. bis Spätantike (u.a. Denare des 2. Jhs., Sesterz des Antoninus Pius, ein sehr seltener gelochter Aureus des Nero). Hesselte habe sich als Fundplatz der frühen Kaiserzeit bestätigt, für Geeste sei die frühe Kaiserzeit nur auf Grund der Schleuderbleie postuliert, Ellbergen scheine in das geläufige Spektrum des Imports des 2./3. Jhs. zu passen. Das Fundbild sei aber hauptsächlich durch die z.T. Jahrzehnte langen Aktivitäten der Hobbyarchäologen aus Lingen punktuell geprägt.
Anschließend berichtete Kai Mückenberger M.A. (Wilhelmshaven) über neue Untersuchungen in Elsfleth und Bentumersiel. Die Fundstelle Elsfleth-Hogenkamp zeige ein enges, dichtes Besiedlungsnetz am Zusammentreffen mehrerer Wasserstraßen und anderer Verkehrswege. Regelmäßiges Aufsuchen der Fundstelle habe zu zahlreichen Fundergebnissen geführt (u.a. einheimische Keramik, römische Münzen, Buntmetall, kaiserzeitliche Fibeln). Im Fundspektrum erwiesen sich wenige abgegriffene Sesterze als augusteisch-tiberisch. Aus dem 2./3.Jh. stammten einige Sigillata-Scherben. Fibeln gehörten in die Zeitspanne frühe bis römische Eisenzeit bis zur Völkerwanderungszeit. Das Buntmetall gehöre zum größten Teil in die mittlere Kaiserzeit. Massiv auftretende Augenfibeln seien meist angeschmolzen und bereiteten Schwierigkeiten bei der Datierung. Im Gesamtcharakter erweise sich die Fundstelle als Lande- und Handelsplatz im norddeutschen Küstengebiet ähnlich denen in anderen nordeuropäischen Räumen. Abschließendes lasse sich noch nicht sagen, doch scheine die Fundstelle Elsfleth eher germanisch. Neue Grabungen (2006-2008) in Bentumersiel hätten Häuser ohne Stall aus der vorrömischen Eisenzeit erbracht. Ein zunächst unscheinbares Brandgrab erwies sich dann als reich ausgestattet (u.a. 1 kg Glasschmelze; um 300 n. Chr.). Festzuhalten sei, dass keine Wohn-Stall-Häuser existierten; die Befunde datierten aus vorchristlicher Zeit, der Import aus dem 1. –3 Jh.
Über die in unmittelbarer Nachbarschaft durchgeführten Grabungen in Jemgum-Kloster berichtete Hardy Prison M.A. (Wilhelmshaven): Hier handelt es sich um eine Wurtensiedlung mit Wohn-Stall-Häusern. Im Außenbereich existierte keine Bebauung. Ein mehrmals angeschnittener Priel ist mit Flechtwerk befestigt gewesen. Dazu sind weitere wasserbauliche Maßnahmen (ein frühes Siel?) nachgewiesen, auch nördlich der Wurt. Die gefundene Keramik weist das in einer friesischen Siedlung der Kaiserzeit übliche Spektrum auf. Römische Importware fehlt fast völlig. Insgesamt handelt es sich bei Jemgum-Kloster um eine Wurtensiedlung in einer Landschaft mit intensiven wasserbaulichen Maßnahmen - mit geringen römischen Importen (keine Metallfunde). In der Region sind weitere Siedlungen auf der anderen, rechten Emsseite nachgewiesen: Sie weisen jedoch in den Befundstrukturen und im Fundmaterial Unterschiede auf. (Westerhammrich: Handwerkersiedlung mit Buntmetallverarbeitung: Gusstiegel, viel römischer Import: Glas und Keramik; Hohegaste: landwirtschaftliche Siedlung, wenig römische Funde). Grundsätzlich lassen sich Flach- und Wurtensiedlungen unterscheiden. Möglicherweise repräsentieren diese Siedlungen unterschiedliche Funktionen (eher landwirtschaftlich, eher handwerklich, eher durch Handelsaktivitäten geprägt).
Im letzten Beitrag am Freitagvormittag gab Dr. Dieter Bischop (Bremen) einen Überblick über Neufunde von drei Fundstellen mit Importware in der Region Diepholz: In Heede/St.Hülfe hat die Detektorsuche bei der Trassierung einer neuen Umgehungsstraße ein Lugdunum-As in situ, eine Armbrustfibel sowie – ein sehr seltener Fund – die Hälfte einer bronzenen Gussform für kleine Armbrustfibeln ergeben. In Barrien /Syke sind im Zusammenhang mit einem Bestattungsplatz mit Brandgräbern und einem Grubenhaus drei römische Münzen aus dem 2./3. Jh. gefunden worden. Von Bedeutung ist vor allem ein bereits 1964 geborgener Komplex vom Gräberfeld in Osterholz/Syke. Es handelt sich um zwei Gräber mit römischen Metallgefäßen des 2./3. Jhs. (Hemmoorer Eimer, Westlandkessel, steilwandige Becher). Einzigartig als Importgefäß sei ein überaus reich verzierter Becher mit Tierszenen, dabei ein schreitender Löwe als Mittelbild. Nach der Mittagspause wurde die Tagung fortgesetzt mit der Präsentation von neuen Detektorfunden von einem Fundplatz im Ldkr. Verden, die sich (z.T. vor Ort bestimmt) in die römische Kaiserzeit einordnen lassen, durch Dr. Jutta Precht (Verden). Daran anschließend stellten Dr. Jana Esther Fries (Oldenburg) und Uwe Märtens (Wesermarsch) den Fundplatz Berne im südlichen Hunte- Weser-Dreieck vor, eine seit 1991 bekannte kaiserzeitliche Siedlung aus dem 1. bis 5. Jh. Straßenbaumaßnahmen hätten eine Detektorbegehung erfordert, die zu neuen Münz- und Metallfunden geführt habe. Daran habe sich eine zweimonatige Grabung angeschlossen. Im Ergebnis lasse sich die Kulturschicht anhand zweier Hauptbefunde und weiterer Siedlungsspuren nach einer ersten zeitlichen Einordnung wieder der römischen Kaiserzeit zuordnen. Bemerkenswert sei die Lage der Siedlung an einem Priel (mit Befestigung und Schiffslände), der in die Hunte mündete und damit einen Zugang zur Weser öffnete.
Im nächsten Beitrag referierte Dr. Frank Berger (Frankfurt/M., früher Hannover) über numismatische Streufunde und ihre Aussagekraft: Anders als bei Hortfunden, Barschaften sowie Grab- und Weihefunden stellt sich bei Streu- und Siedlungsfunden von Münzen die Frage nach ihrer Repräsentativität, da die Münzen in der Regel nicht gezielt in die Erde gelangt sind, ihr Verlust – und ihr Auffinden – eher dem Zufall unterliegt. Erst aus der Analyse der Faktoren geographische Verbreitung, Datierung, Metall und Nominale der Münzen lassen sich tendenzielle Erkenntnisse gewinnen, vor allem im Vergleich mit den Geldvorräten und dem Geldumlauf in den grenznahen Gebieten des römischen Imperiums. Siedlungsfunde sind nur möglicherweise repräsentativ, wie das Beispiel Elsfleth mit Fundmünzen aus tiberianischer bis in die Zeit Caracallas zeigt. Auffällig ist in Norddeutschland das Verhältnis zwischen Kupfer- und Silbergeld. Nach statistischer Auswertung halten sich diese Münzmetalle hier in etwa die Waage, während in Hessen, Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg ein Verhältnis 1:3 bzw. 1:5 festzustellen ist. In der Aussprache werden Zweifel an der grundsätzlichen Zufälligkeit der Streufunde geäußert; es seien durchaus auch intentionale Ursachen anzunehmen.
Im Anschluss äußerte Dr. Ulrich Werz (Winterthur) Gedanken zum nachaugusteischen Geldumlauf im Römischen Reich mit Hilfe der Zusammensetzung der Schatzfunde in der Germania Magna (Kriterien: Anteil und Münztypen der verschiedenen Prägeherren), die meist aus Geldgeschenken an die germanischen Stämme herrührten (u.a. Bestechungsgelder, Lösegeld). Die statistische Auswertung einer Reihe von Schatzfunden anhand der genannten Kriterien weist zunächst (Augustus bis Caligula) auf hohe Auflagen weniger Münztypen hin. Seit Claudius werden die Münztypen vielfältiger; von Vespasian bis Hadrian erscheinen viele Münztypen in geringer Anzahl. Für spätere Zeiten gilt sehr Ähnliches; die Schatzfunde weisen hier große Unterschiede in ihrer Zusammensetzung auf, während die aus der frühen Kaiserzeit häufig gleiche Münzprofile (mit zeitlichen Verschiebungen) zeigen. Man kann daraus u.U. einen sich entwickelnden Provinzialfiskus ableiten, allerdings mit verschiedenen Zahlstellen.
Nach einer Kaffeepause gab Dr. Michael Zelle (Detmold) eine Übersicht der römischen Funde im nördlichen Mittelgebirge (Ostwestfalen/Lippe, Weserbergland): Ältere Fundkonzentrationen stammen aus dem Teutoburger Wald, neuere vor allem aus dem Leinetal südlich von Hannover, aus dem Umkreis von Minden und dem Diemeltal. Die Datierung der Funde ergibt neue Tendenzen in der Bewertung der römischen Präsenz in diesen Gebieten. Insbesondere Ostwestfalen/Lippe und die Region südlich von Hannover kristallisierten sich auf Grund der neuen Funde als Gegenden stärkerer römischer Präsenz heraus. In der Aussprache erklärte Michael Zelle auf die Frage, inwieweit sich von den Fundstellen Rückschlüsse auf Wegetrassen ziehen ließen, diese seien an Flussläufen anzunehmen, so von Anreppen aus durch das Diemeltal und das Emmertal, die zu den Zielgebieten der Römer in Germanien gehörten.
Im nächsten Beitrag berichtete Dr. Bettina Tremmel (Münster) über die Grabungen in Porta/Barkhausen im Jahre 2008 und die dortigen römischen Funde und Befunde: Die Münzfunde repräsentieren den augusteischen Geldumlauf und stimmen im Fundspektrum mit denen in Oberaden und Haltern überein. Aucissafibeln und Fibeln vom Typ Almgren 22a sind typisch für Legionäre dieser Zeit. Sandalennägel, Zeltheringe und Reste von Vermessungsinstrumenten (Bleilote) lassen zusätzlich auf die Anwesenheit römischen Militärs schließen. Gräben einer Befestigung sind zwar nicht gefunden worden, doch war die Grabungsfläche für einen Nachweis auch zu klein. Mehrere ovale Strukturen lassen sich als Backöfen – wie in den Lippelagern nachgewiesen – interpretieren, auch wenn es in ihnen keine Funde gegeben hat. In Kombination mit der verkehrsgünstigen Lage an alten Fernwegen und an einem schiffbaren Fluss erlauben die Funde und Befunde die Lokalisierung eines römischen Marschlagerbereichs, der im Kontext der augusteisch-tiberianischen Germanenoffensiven mehrmals kurzzeitig genutzt worden ist.
Neue Ergebnisse aus der Grabung Waldgirmes stellten Dr. Armin Becker und Dr. Gabriele Rasbach (beide Frankfurt/M.) vor: Danach datiert die Ansiedlung von spätestens 4 v. Chr. bis in das zweite Jahrzehnt des 1. Jhs. (wohl 16 n.Chr.). Das Anfangsdatum resultiert aus einer dendrochronologischen Untersuchung von Hölzern einer Brunnenwandung, die auf das Jahr 4 bis 3 v. Chr. weist. Waldgirmes muss also vor der Varuszeit gegründet worden sein. Der spektakuläre Fund von Bruchstücken eines vergoldeten Standbildes weist nach ihren Verzierungen (Bilder der Victoria und des Mars) eine Ikonographie auf, die gut in ein erobertes Gebiet passt. Die Zerstörung der Statue hängt nicht mit der Aufgabe des Ortes zusammen, da ihre Reste nicht im Schutt des finalen Brandes gefunden wurden, vielleicht aber mit den Unruhen im Jahre 14. Vom Arminiusaufstand war also der Raum um Waldgirmes nicht betroffen. Für die weitere Existenz der Siedlung spricht auch der Nachweis von Logistikbauten in der Stadt (Straße und Häuser), die nach der Zerschlagung der Statue, aber vor dem finalen Brand errichtet wurden. Das genaue Enddatum von Waldgirmes wird hoffentlich zu ermitteln sein, wenn das dendrochronologische Gutachten zu Hölzern, mit denen der Brunnen vor dem Brand verstopft wurde, vorliegt.
Den Abschluss des ersten Tages bildete der Beitrag von Prof. Dr. Michael Erdrich (Lublin): Ausgehend vom Fundgut im Norden sieht er die Importe aus dem Mittelmeerraum gekennzeichnet durch eine Reduktion auf höherwertiges Trink- und Essgeschirr und Waffen und schließt daraus, dass an den Nord-Süd-Kontakten, die römisch-germanischen eingeschlossen, lange Zeit nur die Eliten partizipierten. Seit den Markomannenkriegen Marc Aurels zeigt das Importgut jedoch einen geringeren Wert und eine weite, allgemeine Verbreitung. Funde in „normalen“ Gräbern lassen den Schluss zu, dass auch die Allgemeinheit nun teilhatte an römischem bzw. mediterranem Material. Als These sieht er hinter dieser Entwicklung das Entstehen neuer Generationen, die nun zu neuen Kenntnissen und Gedanken Zugang hatten, was zu Konflikten mit den alten Eliten führte und neue gesellschaftlich Strukturen entstehen ließ. Diese These führte zu einer lebhaften Aussprache, in der Gegenpositionen bezogen wurden: So könnte das „Importgut“ auch aus Raub- und Beutezügen stammen. Vor allem aber ließen ökonomische Veränderungen nicht unbedingt Rückschlüsse auf die politische und gesellschaftliche Ordnung zu.
Am Samstag übernahm Prof. Callies die Moderation.
Die Reihe der Beiträge begann mit Ausführungen von Dr. Achim Rost (Kalkriese) zur archäologischen Erforschung von Schlachtfeldern: Diese junge Disziplin in der Archäologie widmet sich der Untersuchung von antiken wie neuzeitlichen Kampfplätzen mit modernen Methoden. Kalkriese ist der erste antike Schlachtort, der mit diesen Methoden untersucht werden konnte. Dabei wurde in den letzten Jahren eine Reihe von neuen Ansätzen bei der Interpretation der Funde entwickelt; vor allem wurde der Frage nachgegangen, welche Informationen diese vermitteln: ob sie auf die eigentlichen Kampfhandlungen oder auf die Prozesse nach den Kämpfen (plündern, bergen, Umgang mit der Beute) zurückzuführen sind. Gerade in Kalkriese wurden durch die Forschungen Einsichten möglich, die über eine Untersuchung des militärischen Konflikts allein hinausgingen. Darüber hinaus ergaben sich Aspekte, die für die Schlachtfeldforschung generell von Bedeutung sind (Widerspiegelung des Untergangs einer Armee im Fundniederschlag). Hier besitzt Kalkriese für die Forschung Modellcharakter, zumal bisher vergleichbare Fundstellen fehlten. Erst seit 2008 gibt es neben dem sinnvollerweise herangezogenen Alesia auch den Schauplatz Harzhorn. Historische Quellen zeichnen ein eigenes Bild von den Vorgängen und haben oft die archäologischen Methoden vorbestimmt. Ein genaueres Bild kann aber erst die Synthese von Archäologie und schriftlicher Überlieferung ergeben. In der Aussprache zu diesem Beitrag erhob sich vor allem z.T. deutlicher Widerspruch gegen die Interpretation von Kalkriese als Zeugnis für den Untergang einer ganzen Armee in einem Defileegefecht.
Über die Entdeckung und Erforschung des weitestgehend ungestörten Fundplatzes römisch-germanischer Auseinandersetzungen am Harzhorn berichteten Dr. Henning Haßmann und Prof. Dr. Günther Moosbauer (Osnabrück): Aus den durch Detektorsuche und bei Schnittgrabungen gemachten Funden ergibt sich folgendes Bild: Am Harzhorn wurden germanische Verbände von römischen Einheiten besiegt. Das Fundspektrum (Katapultbolzen, Pfeilspitzen, Hufschuh, Wagengeschirr, Sandalennägel) zeigt die Anwesenheit von Artillerie, Bogenschützen, Reiterei und Infanterie. Die Streuung der Sandalennägel belegt den Marschweg der Römer auf dem Höhenzug in Richtung Westen. Das mit Ausnahme einer Lanzenspitze fast völlige Fehlen germanischer Funde lässt sich mit dem Abbergen der Toten und ihrer Waffen durch die Germanen nach der Auseinandersetzung, die in ihrem eigenen Gebiet stattfand, erklären. Möglicherweise steht das Schlachtfeld im Zusammenhang mit den römischen Miltäraktionen unter Alexander Severus und Maximinus Thrax im 2. Viertel des 3. Jhs., die vornehmlich von der Region Mainz aus in die Germania Magna unternommen wurden, offenbar wesentlich weiter als bisher angenommen (vgl. dazu auch das Eingangsreferat von Prof. Callies).
Nach einer Kaffeepause stellte Dr. Peter Kehne (Hannover) anhand von Karten die bisherigen verschiedenen Rekonstruktionen der Marschrouten zu den Feldzügen des Germanicus vor. Am Beispiel des Sommerfeldzugs im Jahre 15 verdeutlichte er, wie in der Zukunft durch die Visualisierung der bei den verschiedenen antiken Autoren beschriebenen Routen auf einer Karte eine bessere Rekonstruktion der Germanicus-Feldzüge erfolgen kann.
Eine gelungene Unterbrechung der Tagung stellte die Führung durch Heiko Taubenrauch, Leiter des Katasteramtes Cloppenburg, durch die aktuelle Ausstellung des IML mit dem Titel „Maßarbeit – zur Entwicklung des Vermessungswesens und der Kartographie“ dar.
Zum Abschluss der Beiträge betrachtete Dr. Henning Haßmann Perspektiven der Römerforschung zwischen Rhein und Elbe. Wichtig sei neben der Anwendung moderner Forschungsmethoden vor allem der Aufbau eines Netzwerkes zwischen den unterschiedlichen Forschungseinrichtungen und den Strukturen der örtlichen und ortsübergreifenden Denkmalpflege. Als Kommunikationsforum könne eine Plattform im Internet dienen.
Das Kolloquium schloss mit einem allgemein akzeptierten Resumée durch Prof. Callies: In den Beiträgen der Tagung sei es um die Präsentation von Fundorten, um theoretisch-systematische Überlegungen und um die Vorstellung von erklärenden Positionen und Erkenntnissen gegangen. Es sei einzelnen Fundstellen, Hinweisen auf Marschlager, Hinweisen auf eine Stadt oder Lager sowie Schlachtfeldern nachgegangen worden. An der mittleren Ems (Lingen und Umgebung) seien die dargelegten Ergebnisse ohne die Tätigkeit der dortigen Hobbyarchäologen nicht denkbar. Sie verdienten große Aufmerksamkeit und Wertschätzung. In der Region Diepholz seien zahlreiche wichtige Neufunde zu verzeichnen. Besonders bemerkenswert sei der Fund eines Gefäßes mit Tierhatzszenen. An der Emsmündung (Bentumersiel, Jemgum-Kloster) ergebe sich aus der Differenzierung der Siedlungen (Flach-/Wurtensiedlung) die Frage nach ihrer unterschiedlichen Funktion. In Elsfleth sei diese Frage bereits beantwortet. Hier handele es sich um eine Handwerkersiedlung und einen Handelsplatz. Der Fundplatz Porta/Barkhausen werde als Marschlager im Zusammenhang der Okkupationszeit verstanden. Erforderlich sei aber eine weitere Suche nach den Spuren einer Befestigung und weitere Forschung hinsichtlich der Einbindung des Fundplatzes in Kommunikationswege und Trassen – wie in Hedemünden erfolgt. Für Waldgirmes sei das Enddatum 16 n.Chr. noch durch weitere Untersuchungen am gefundenen Brunnen zu bestätigen, ebenso ein Zusammenhang zwischen der Zerschlagung einer Statue und dem Legionsaufstand im Jahre 14. Eine wichtige Erkenntnis sei, dass der (süd-)hessische Raum sich in einem anderen Status befand als der westfälisch/niedersächsische und nur wenig oder gar nicht vom Arminius-Aufstand tangiert war. Am Harzhorn bestehe noch eine Reihe von offenen Fragen: Wie verliefen die Zugangswege? Was ist in der Senke zu finden? Führten von den Römern benutzte Wege oft über Anhöhen? Wie stark war der römische Truppenverband? Bei der statistischen Behandlung von Münzfunden (differenziert nach Einzel- und Hortfunden) bestehe noch das Problem, inwieweit gesicherte Ergebnisse zum Umlauf von Münzen – auch über das rein numismatische Interesse hinaus – durch diese Methode zu erzielen sind. Hier sei weitere Arbeit erforderlich. Im Bereich Weserbergland habe es neue Funde gegeben, deren Kartierung ein neues Licht auf die Wertung und Gewichtung der römischen Präsenz in diesem Gebiet werfe. Wichtig sei auch hier eine Differenzierung zwischen Einzel-, Siedlungs- oder Hortfunden. Die Schlachtfeldarchäologie habe in den letzten 10 bis 20 Jahren besondere Aufmerksamkeit erfahren – methodisch und inhaltlich. Aber erst weitere und umfassendere Vergleichsmöglichkeiten könnten hier zu gesicherten Ergebnissen führen.
Die Tagung endete – auch zur Zufriedenheit des anwesenden Museumsleiters, Benno Dräger, dem erneut für die Gastfreundschaft hohe Anerkennung gezollt wurde – pünktlich um 13 Uhr.
Wilfried Haase Gerd Lübbers
Anmerkung: Das Folgekolloquium, ebenfalls im Industrie Museum Lohne, ist fest auf den 20. und 21. April 2012 terminiert.
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Teilnehmer des Kolloquium 2010
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