Im Jahre 2000 legte der pensionierte Oberstudienrat und Sachbuchautor Rolf Bökemeier (FAN) seinen Titel „Die Varusschlacht - Der Untergang der römischen Legionen im Teutoburger Wald“ vor. Vier Jahre nach Erscheinen dieses Buches lässt der Autor nun einen weiteren Band folgen und betitelt ihn „Römer an Lippe und Weser - Neue Entdeckungen um die Varusschlacht im Teutoburger Wald“.

Der neue Bökemeier ist mit über 230 Abbildungen ungewöhnlich reichhaltig illustriert. Der Text wird mehrfach durch Infrarot- bzw. Farb-Luftaufnahmen, durch russische Satellitenaufnahmen und von Schwarz-Weiß-Luftbildern der Royal Air Force ergänzt. Auch Diagramme, Fundabbildungen (darunter Münzen) und Kartenmaterial lockern die textliche Darstellung auf.

Vorrangig möchte der Autor natürlich, neben der amtlichen Archäologie und Denkmalpflege, eine möglichst breite Leserschaft von seinen aktuellen Arbeiten überzeugen. Dazu nimmt Bökemeier seine Leser mit auf eine Reise zu bekannten und vermuteten römischen Zielen zwischen Rhein, Lippe und Weserbergland. Dabei formuliert er unterhaltsam und abwechslungsreich. Erlebnisschilderungen des Verfassers werden zum Spannungsaufbau ebenso eingesetzt wie die Untersuchungsergebnisse von Universitätsinstituten zur Datierung von Fundstücken. So folgen auf bekannte wissenschaftliche Fakten, z.B. zu den römischen Lagern Xanten (Vetera I), Haltern und Anreppen immer wieder auch eigene Analysen und Erkenntnisse des Autors. Bei der Vermittlung seiner Forschungen helfen Bökemeier Kenntnis der antiken Quellen, eigene Prospektionen und Grabungen und seine dazu durchgeführten Recherchen.




Römer an Lippe und Weser - Buchlayout, zur Vergrößerung bitte anklicken (Foto R.Bökemeier)

Autor und Herausgeber wollen gemäß eigener Zielvorstellung Funde und mögliche Spuren der römischen Okkupationszeit vor dem Vergessen bewahren. Diese Neuerscheinung beinhaltet dazu eine beeindruckende Materialsammlung:

- Aus dem immensen Infrarot-Luftbildbestand des A. Koch (Fürstenberg/Weser) werden auffällige Bewuchsmerkmale, häufig überprüft mittels D-Sat-Aufnahmen, zur Diskussion gestellt, z.B. Bodenstrukturen bei Nieheim-Sommersell. Der Autor hofft hier auf archäologische Untersuchungen des leider von fortschreitendem Tonabbau bedrohten Geländes.

- Die verbleibenden Lagerlücken zwischen den römischen Standorten Xanten und Anreppen versucht der Verfasser, ausgehend von den Tagesmarschabständen römischer Legionen, zu schließen. Dazu werden die 1878 posthum herausgegebenen Untersuchungen des Ludwig Hölzermann herangezogen und dort aufgeführte angebliche römische Lager und Straßen überprüft und eigene Ergänzungen zur Diskussion gestellt.

- Der Öffentlichkeit vorgestellt werden wichtige Fundstücke des leider im Herbst 2004 verstorbenen Sondenführers W. Winkels aus Essen-Borbeck.

- Auch ältere Fundnachrichten über Münzen und Militaria der augusteischen und tiberischen Zeit, wie bei Althoff 1796, Clostermeier 1822, Hamelmann 1582, Höfer 1888, Neubourg 1887, Piderit 1627 und Wasserbach 1698 aufgeführt, gehören neben den bekannten Fundstellen Grotenburg, Oesterholz, Sparrenberger Egge, Stapelage und Winnfeld zur Materialsammlung.




Nieheim-Sommersell Schwarz-weiß-Infrarotfoto des vermutlichen Römerlagers von Sommersell. Die trapezförmige Umrandung lagert sich an das breite hier dunkel erscheinende diagonal verlaufende Wiesental an. Innerhalb des Tals ist in Weiß der Bach erkennbar. (Foto: Alfons Koch, Fürstenberg)

Augusteisch-frühtiberischer Riemenhaken mit Silbertauschierungen und -plattierungen vom Winnfeld / Berlebeck im Teutoburger Wald - Finder: W.Winkels und R.Bökemeier am 2.Juli 2002 - (Foto: J.Ihle, Lipp. Landesmuseum)



Weitreichend ist Bökemeiers These hinsichtlich „ ersten Voraussetzungen für die Errichtung einer Provinz im Weserbergland bzw. bis zur Weser“. Er kann sich dabei stützen auf archäologische Funde und Befunde mit diesem Hintergrund:

Haltern: die nachträgliche Errichtung von Wohnbauten für gehobene Ansprüche (Offiziere und Verwaltungspersonal) bedeutet vielleicht den Ausbau Halterns zu einer Schaltstelle der Provinzialisierung, die leistungsfähige Töpferei mit Verteilfunktion bis Anreppen, Neuss, Köln, Mainz, Andernach und Wiesbaden signalisiert die Marktfunktion. (1)

Anreppen: die römische Keramik in der germanischen Siedlung westlich des Römerlagers kann auf ein friedliches Zusammenwirken zwischen Germanen und Römern hindeuten. Neben Militär- auch Luxusarchitektur (übergroßes praetorium, Portikus-Hof) im Sinne von praesidium statt castra. (1)

Waldgirmes: die typischen Elemente römischer Stadtarchitektur (Portiken, großes Forum z.T. auf Steinfundamenten) und ein hoher Anteil einheimischer Keramik (20%) bedeuten evtl. auch hier Marktgeschehen. (1)



Mit Kalkriese als Örtlichkeit der Varusschlacht kann der Autor sich nicht anfreunden. Er verortet die römische Niederlage, wie in der älteren Forschung wiederholt dargelegt, an den Nordrand des Teutoburger Waldes.
Für Bökemeier ist der Fundmünzenbestand von Kalkriese strukturell (!) erheblich jünger als der Bestand von Haltern; insofern ist Kalkriese für ihn der Ort des Hinterhaltes, in den Caecina im Jahre 15 n.Chr. geriet.
Der Autor begründet seine Thesen u.a. mit Analysen zu römischen Münzfunden wie z.B. mit einer interessanten Untersuchung der Legionsdenare des Marcus Antonius.

Zweifel und Kritik an den numismatischen Grundlagen zur Datierung augusteischer und tiberischer Fundplätze formulierten u.a. R. Wolters und P. Kehne im Jahr 2000 grundlegend ( R. Wiegels, Die Fundmünzen von Kalkriese und die frühkaiserzeitliche Münzprägung,Bibliopolis, Möhnesee, 2000). Zu hinterfragen ist sicherlich auch die methodische Zuverlässigkeit bei Vergleichen zwischen Lagern und einem Schlachtfeld, worauf Dr. Kl. Wilhelmi bei seinem Vortrag „Römer und Germanen in Kalkriese – Varus, Arminius, Germanicus ?“ im Industrie Museum Lohne am 07.10.04 hinwies.




Heidental / Teuteburger Wald Vergessene, vermutlich in den Felsen geschlagene Straße im Heidental / Teuteburger Wald, auf der eingeklemmte Hufeisen- und Kopfnagelreste gefunden wurden (Foto: Gerhard Steinborn)

Bewusst an den Schluß gestellt hat der Verfasser die Vorstellung bzw. die Diskussion von Fundstücken und als „Letzte Meldung“ Luftbilder mit polygonalen Bewuchsmerkmalen aus dem Raum Marienmünster.

In der Auseinandersetzung, nicht nur mit den Thesen des Autors, muß sich dieser selbstverständlich auch gehörige Kritik gefallen lassen, vorzüglich - wie bereits geschehen - gerade aus dem ihm nahestehenden archäologischen Freundeskreis FAN. Im Brennprunkt steht sowohl die exakte Fundbestimmung wie auch seine Analyse des vielfältigen Materials, z.B. der in der Tat wichtigen Luftbilder.
Einer fachwissenschaftlichen Rezension im eigentlichen Sinne beabsichtige ich allerdings nicht vorzugreifen.

Bleibt zu wünschen, dass diese Neuerscheinung den großen Leserkreis findet, den sie nicht nur aufgrund der investierten Mühen auch verdient. Erschienen ist der Band beim Verlag Huxaria Druckerei GmbH, Höxter, 2004,
ISBN 3-934802-31-1, Euro 24,80

Volker Klages
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(1) siehe dazu S.von Schnurbein, Augustus in Germanien-Neue archäologische Forschungen, 2002




Marienmünster / Kreis Höxter Graben eines möglichen römischen Lagers als dunkle Umrandung östlich von Marienmünster/Kreis Höxter in Blickrichtung Nordwest (Foto: Herbert Hoinkis -FAN-)

Einige weitere Abbildungen, die in dem Buch von Rolf Bökemeier verwendet wurden, finden Sie auf der Homepage des Freundeskreises "Römerforschung im Weserbergland".