Frank Berger
Kalkriese im Osnabrücker Land gilt seit einiger Zeit als Örtlichkeit der Varusschlacht. Regelmäßig wird die breite Öffentlichkeit über Funde und Überlegungen zu diesem Fundplatz informiert. (Beispiele: FAZ-Sonntagszeitung 1.2. 2004; Der Spiegel 8.3. 2004). Vier Wissenschaftler haben sich jüngst engagiert mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Datierung der Funde von Kalkriese geschah weitgehend mittels der Fundmünzen Der Verfasser dieses Artikels hat die wohlbegründete Auffassung, daß die Funde von Kalkriese die Hinterlassenschaft der im Teutoburger Wald gestorbenen Soldaten des Varus sind, wie es schon 1884 Theodor Mommsen vermutete. Wenn im Folgenden der Eindruck entstehen sollte, einige Aussagen seien von dieser Grundannahme vorbelastet, sollte dies bei der Lektüre in Rechnung gestellt werten.
Der Mathematiker Wolfgang Lippek, Inhaltliche Strukturanalyse der Denarhorte von Haltern und Kalkriese. Widerlegung der „Kalkrieser These“ zum Ort der Varusschlacht. In: Lippische Mitteilungen aus Geschichte und Landeskunde 71, 2002, S. 223-263. Die Lokalisierung der Örtlichkeit der Varusschlacht rührt auch an Emotionen und Heimatgefühle. Es ist festzustellen, daß die Lokalisierung der Varusschlacht in einem bestimmten Ort nicht selten mit der Herkunft des Forschers zu tun hat, der diese Lokalisierung vornimmt. Ein prominentes literarisches Beispiel ist Christian Dietrich Grabbe, Sohn eines Zuchthausverwalters in Detmold, der in dem Drama „Die Hermannsschlacht“ (1835) den lokalisierenden Angaben seines Schwiegervaters Clostermann folgte. Wenn ein Forscher ein großes Ereignis in seiner Heimat angesiedelt sehen möchte, macht er sich von vornherein verdächtig, Wunschvorstellungen wissenschaftlich untermauern zu wollen. In solchen Fällen ist immer besondere Vorsicht geboten. In den Lippischen Mitteilungen erschien nun ein Artikel des Mathematikers Wolfgang Lippek aus Lage/ Lippe, der sich mit der Zusammensetzung der Denarschätze von Haltern und Kalkriese befasst. Die Arbeit hat, wie es im Titel heißt, die „Widerlegung der Kalkrieser These zum Ort der Varusschlacht“ zum Inhalt. In Vorbereitung seiner Arbeit hat W. Lippek mit vielen Fachkollegen, wie P. Ilisch, J. Heinrichs, C. Klages, R. Bökemeier, J. van Heesch, J. Asskamp, M. R.-Alföldi, J. van der Vin, F. Berger und R. Wolters korrespondiert und telefoniert. Am häufigsten beruft er sich im Text auf Reinhard Wolters. W. Lippeks Aufsatz befasst sich ausdrücklich mit dem größeren und höherwertigen Teil der Münzen, eben den Denaren. Die seiner Meinung nach geringe Zahl der noch höherwertigeren Goldmünzen – es handele sich um nur 20 Stück - lasse dagegen Vergleiche kaum zu. Hier gibt der Autor die Größenordnungen für seine statistischen Auswertungen selbst vor. Er sieht es als Tatsache an, dass die Silbermünzen das eigentliche Geld der römischen Soldaten sind. Damit sind Gold- und Kupfermünzen außerhalb der Diskussion. Indem er sehr sorgfältig mit Zahlen, Mengenangaben, Tabellen und Graphiken operiert und auch bisher nie beachtete Aspekte einführt, bereichert er die ohnehin lebhafte Diskussion um die Rolle der Denare in Nordwestdeutschland in augusteischer Zeit. Ziel seiner Untersuchung ist die Widerlegung von F. Bergers Aussage, „...dass die Silberhorte und Silbereinzelfunde von Kalkriese und Haltern eine völlig identische Zusammensetzung haben und zur gleichen Zeit enden“. Diesen Satz zitiert er mindestens 19 mal. Die zweite Hälfte des Satzes, den gleichen Endpunkt, stellt er nicht in Frage, da beide Fundkomplexe ausweislich des Gaius/ Lucius-Typs zeitgleich enden. Übrig bleiben jene drei Worte, denen der ganze, immerhin 40 Seiten lange Aufsatz gewidmet ist, die „völlig identische Zusammensetzung“ des Silbers von Haltern und Kalkriese. Auf diesen drei Worten ruht der ambitioniert vorgetragene Versuch einer Widerlegung der Kalkrieser These. Selbst wenn es W. Lippek gelungen wäre, durch seine Überlegungen die „ völlig identische“ Zusammensetzung in eine nur „teilweise identische“ Zusammensetzung umzudeuten, bliebe alles beim Alten, da von diesem Punkt die Begründung von Kalkriese als Örtlichkeit der Varusschlacht nur zu geringem Maße abhängt. Zuerst betrachtet W. Lippek alle Denare von Haltern und Kalkriese in Bezug auf ihre Münzstätten-Herkunft. Hier sieht er qualitativ-signifikante Unterschiede. Das gleiche gelte auch für den Anteil der Gaius/ Lucius-Denare, in Kalkriese mit 20,9 % gegenüber Haltern mit 36,7 % und für die Legionsdenare mit 11,8 % in Kalkriese gegenüber 6,3 % in Haltern. Die Legionsdenare der größeren Fundplätze schlüsselt er nach der Legionsnummer auf. Dieses Vorgehen ist, wie auch Maria R.-Alföldi anmerkte, methodisch sehr interessant. Denn es ist zu beobachten, dass in den Fundmünzen von Kalkriese nur ein Denar der 17., 18. und 19. Legion vertreten ist. Eher selten sind sie auch in Onna/ Feins, durchschnittlich vertreten in Nijmegen und Haltern. Ist die Seltenheit der drei Varus-Legionen auf den Marcus Antonius-Denaren in Kalkriese Zufall oder Absicht? Das soll hier offen bleiben. Eine plausible Datierung der Kalkrieser Ereignisse mit Hilfe der Legionsdenare, wie es W. Lippek sich in der Zukunft erhofft, wäre zwar sehr zu wünschen, aber Ansätze zur Realisierung sind nicht zu sehen. Bergers Strukturdiagramme aufgreifend, legt W. Lippek eine vergleichbare Graphik für die zwischen 16 und 28 schließenden Horte von Onna und Fyns an. Dies resultiert aus dem richtigen Gedanken, die Grundlagen der Untersuchung um angrenzende Gebiete zu verbreitern. Auch seiner Überlegung, dass ohne die Tiberiusdenare diese Horte als zeitgleich mit Haltern und Kalkriese angesehen werden könnten, ist zuzustimmen. Nicht zuzustimmen ist dagegen einer anderen Schlussfolgerung. Die „exotischen“ Münzstätten der Denare können kaum überzeugend für eine Argumentation genutzt werden. Treffend ist W. Lippeks Schluß, dass der Gaius/Lucius-Typ die notwendige Feindifferenzierung zwischen den Ereignissen der Jahre 9 bis 16 n. Chr. nicht zu leisten vermag. Auch F. Bergers Hinzuziehung der subaeraten Gaius/ Lucius-Denare und R. Wolters Typen mit dem „X“ führen dort nicht viel weiter. Eine exakte Datierung auf das Jahr 9 n. Chr. können die Denare allein in der Tat nicht leisten, noch ist dies jemals so dargestellt worden. Ob die Silbermünzen in Haltern und Kalkriese völlig übereinstimmen oder signifikant übereinstimmen, macht für die Fragestellung keinen entscheidenden Unterschied aus. Wenn W. Lippek beklagt, dass die Silbermünzen bei der Begründung der Datierung 9 n. Chr. nur eine geringe Rolle gespielt haben, dann hat er damit vollkommen recht. Der Datierungsschlüssel liegt beim Kupfer, und insofern liegt die Betrachtung der Denare nicht im Zentrum des Geschehens. Die Denare isoliert betrachtet, das ist W. Lippek zugestanden, erlauben mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine Datierung des Geschehens in das Jahr des Caecina. Aber die sehr exakte Aussage der Kupfermünzen, die Verbindung zu Haltern, wofür das Jahr 9 bis auf Weiteres angenommen wird, obwohl neuerdings gerne erwogen wird, Haltern hochzudatieren, um das Datum des Fundkomplexes von Kalkriese zu verändern, die schiere Menge der Goldmünzen und die in Nordwestdeutschland einzigartige Fundmenge lassen keine andere Deutung als die Varusschlacht zu.
Der Altmeister Heinrich Chantraine, Varus oder Germanicus? Zu den Fundmünzen von Kalkriese. In: Thetis. Mannheimer Beiträge zur Klassischen Archäologie und Geschichte Griechenlands und Zyperns 9, Mannheim 2002, S. 81-93 Heinrich Chantraine, bis 1995 Professor für Alte Geschichte an der Universität Mannheim, hat sich 45 Jahre seines Lebens mit römischen Fundmünzen in westlichen Deutschland beschäftigt. Ihm ist die Vorlage und Analyse der Funde aus der Pfalz und von Neuss/ Novaesium zu verdanken. 2002 im Alter von 72 Jahren verstorben, war Heinrich Chantraine der beste Kenner römischer Münzen in militärischen Zusammenhängen. War sein 13-seitiger Beitrag, kleingedruckt und zweispaltig gesetzt, ursprünglich als Rezension des Kalkrieser Tagungsbandes von 1999 (R. Wiegels, Hrsg., Die Fundmünzen von Kalkriese und die frühkaiserzeitliche Münzprägung, Möhnesee 2000) vorgesehen, so erwuchs daraus ein eigenständiger Aufsatz. Darin erörtert H. Chantraine vornehmlich zwei Aufsätze gleicher Zielsetzung von P. Kehne und R. Wolters, nämlich die Funde von Kalkriese für die Ereignisse der Jahre 15/ 16 n. Chr. in Anspruch nehmen zu wollen. P. Kehne hatte sich bemüht, die bisherige Datierung erschüttern, nachzuweisen, dass Haltern auch nach der Varusschlacht nach weiterbestanden hat und wollte die Kalkrieser Funde in den Germanicushorizont einordnen. H. Chantraine löst alle Argumente P. Kehnes, die oft genug sich widersprechend und ohne Nachweis im Raum gesetzt worden waren, vollständig auf. Stets sachlich im Ton und ausgewogen in der Sache, unterschwellig genervt vom Maß publizierter Unwissenheit, formulierte er das Resultat: „In Summa. So wichtig es ist, etablierte Forschungsmeinungen und –methoden immer wieder zu überprüfen, so nützlich es für den Mitforscher und den Nutzer seiner Ergebnisse ist, die bisherigen Positionen zu überdenken und gegebenenfalls zu verdeutlichen, eine ausgewogenere Diskussion wäre der Sache dienlicher gewesen.“ In die gleiche Richtung, freilich bei anderem Qualitätsstandard, zielte ein Beitrag von R. Wolters. Dieser unterteilte seine Überlegungen in fünf Schritte. Erstens sah er Münzverbreitung im langsamen Wandern oder rasch per „Steinwurf“. Zweitens erörterte er die vor 9 v. Chr. geprägten Münzsorten, vor allem Lugdunum I und Gaius/ Lucius. Drittens behandelte er sie nach 9 n. Chr. entstandenen Prägungen, vor allem die Serie Lugdunum II. Viertens betonte er die große Übereinstimmung von Haltern und Kalkriese, wobei er den Gegenstempel IMP mit Lituus genau wie P. Kehne auf 11/ 13 n. Chr. ansetzt. Fünftens erwog er bewusst provokant Kalkriese als Hinterhalt des A. Caecina im Jahre 15 n. Chr. und ermunterte die Fachwelt, mit ihm nunmehr darüber zu streiten. Dieser Ermunterung kam H. Chantraine gerne nach. Die konstruierten Arten des Münzvordringens per Diffusionsmodell oder Steinwurfmodell seien nicht besonders erkenntnisträchtig. In der Beurteilung des Lagers Anreppen habe R. Wolters nicht gar zu genau hingeschaut. Es gebe Widersprüche in seiner Beurteilung des Gegenstempels AVC. Die Kenntnis der Lex Cornelia de falsis durch Soldaten am Niederrhein sei ein Schreibtischkonstrukt. R. Wolters vermeide es hin und wieder, in Text und Anmerkungen Gegenargumente anzuführen. Die Menge der Kupfermünzen nach 10 n. Chr. rechne er im Sinne seiner Argumentation klein. Bei der Spätdatierung des Gegenstempels „IMP mit Lituus“ übersehe er ein lästiges Gegenzeugnis. Und bei Verunstaltungen von augusteischen Münzen, was von R. Wolters und daraufhin auch von P. Kehne mit dem Hass auf Augustus im Jahre 14 n. Chr. anlässlich seines Ablebens gedeutet wurde, habe er darauf verzichtet, einen genauen Befund zu erheben. Trotz des gesagten wird R. Wolters zugestanden, dass sein Artikel zahlreiche Anregungen gibt und dazu zwingt, die Münzdatierung der spätaugusteischen Fundplätze noch gründlicher und differenzierter anzugehen. Zu diesen Beiträgen von P. Kehne und R. Wolters erschienen im gleichen Band Repliken von U. Werz und F. Berger. U. Werz hat eine umfangreiche Dissertation über die Stempelanalyse der Gegenstempel in julisch-claudischer Zeit abgeschlossen, die nun der Drucklegung zugeführt wird. Er ist nach H. Chantraine derjenige Forscher mit den umfangreichsten Kenntnissen auf diesem Gebiet. Anhand der Gegenstempel AVC, IMP mit Lituus, PP Palmzweig, C. VAL, VAR und Helm überprüfte U. Werz, ob sich diese für eine Datierung in frühtiberische Zeit eignen. In seinem Resumée musste er das verneinen. Ergänzend konstruierte er aus den Gegenstempeln einen frühtiberischen Münzumlauf. Doch U. Werz liege an einigen Punkten nicht richtig. Gegenstempelung könne man nicht auf Geldgeschenke an Soldaten einengen. Nicht sicher sei, ob beim Herrscherwechsel zu Tiberius sofort Münzen kontermarkiert wurden. Problematisch sei die Deutung des CAES – Gegenstempels in zwei durch 8 Jahre getrennte Ausbringungsphasen. Es gehe auch nicht an, mit Gegenstempeln einen frühtiberischen Münzumlauf zu konstruieren, der genau aber in Augsburg-Oberhausen, das nach H. Chantraine 16/17 n. Chr. aufgelassen wurde, fehle. Dieser Widerspruch löst sich allerdings auf, wenn man das Ende dieses Platzes schon um 14 n. Chr. ansetzt. Im Ergebnis wirft er U. Werz vor, seine Stellungnahme unter Zeitdruck verfasst zu haben und einige Probleme seiner Argumentation selbst geschaffen zu haben. Im Anschluß daran behandelt H. Chantraine die Replik F. Bergers gegen die Meinungen von P. Kehne und R. Wolters. In der Sache findet F. Berger seine volle Zustimmung. Doch hätte er sich sowohl eine detailliertere Vorgehensweise als auch einen weniger apodiktischen Ton gewünscht. Deshalb würden sich P. Kehne und R. Wolters hin und wieder schlecht behandelt fühlen. Einige von F. Bergers Argumenten seien nicht schlüssig. In einem besonderen Fall, der Behandlung des Fundes von Port-Haliguen, weist er ihm eine nachlässige Arbeitsweise nach. H. Chantraine, dessen letzte Arbeit und Vermächtnis hier vorliegt, hat sich bei der Kalkriese-Diskussion über vieles geärgert. Manche Autoren hätten ihre Hausaufgaben nicht gemacht, er stellte luftige Behauptungen fest, vage Angaben, Ignorierung von Befunden, substanzlose Theorien sowie das Übergehen und Verdrehen von Forschungsmeinungen. Sein Fazit lautet: „Abschließend sei festgehalten, dass ... deutlich die besseren Argumente für die Datierung von Kalkriese ins Jahr 9 n. Chr. sprechen.“
Der Erregte Peter Kehne, Vermarktung contra Wissenschaft: Kalkriese und der Versuch zur Vereinnahmung der Varusschlacht. In: Die Kunde N.F. 54, 2003 (Ersch. 2004), S. 93-112. In einem Aufsatz, der von rumpelstilzchenhafter Erregung geprägt ist, hat sich Peter Kehne, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter (Entsprechend Akad. Dir.) am Historischen Seminar der Universität Hannover, zum Thema Kalkriese geäußert. Er sieht ein „Kalkriesekartell“ am Werk, das aktiv Geschichtsklitterung betreibt. Ziel ist die Gewinnung von Vorteilen, wie Vortragsreisen, Vortragshonorare, Geld für Kongresse, Lehraufträge, Professorentitel, Publizität, Forschungsmittel in Millionenhöhe und Mitarbeiterstellen. Vorteilhafte Auswirkungen solchen Klüngels zeigten sich an der Universität Osnabrück und der Göttinger Akademie. Bei derartigen Vorwürfen freilich sitzt P. Kehne insofern selbst im Glashaus, als daß er sein Unterkommen an der Universität Hannover bekanntlich eher seinem parteipolitischen Engagement als seinen fachlichen Qualitäten verdankt. Die Vorteilsnehmer des Kalkriesekartells, von ihm auch Kalkriese-Zitierverein genannt, sind offenbar namentlich W. Schlüter, R. Wiegels, G.A. Lehmann, S. Wilbers-Rost, F. Berger und andere. Diese steuerten die öffentliche Meinung durch Internetseiten und seien dank Textverarbeitungsprogrammen in der Lage, flutartig zu publizieren. Das Kartell verbreite lediglich die Glaubensgewissheit einer Identität von Kalkriese, gebe aber, mit Ausnahme der Münzen, der Fachwissenschaft keine Chance zur wissenschaftlichen Beurteilung der Befunde. Wer anderer Meinung sei, würde vom Kartell ausgeschlossen, durch Entzug von Übernachtungs- und Reisekosten abgestraft oder, schlimmer noch, nicht beachtet. Über allem wittert P. Kehne offenbar den Geruch einer Verschwörung zum Nutzen einer medienträchtigen Vermarktung der Varusschlacht. P. Kehne ist zusammen mit einigen norddeutschen Heimatforschern der Meinung, dass es sich bei dem Fundplatz Kalkriese um die Hinterlassenschaft von einer der Schlachten der Germanicuszeit 15/ 16 n. Chr. handelt. Diese Auffassung gewinnt er aus seiner eigenen Interpretation der Münzfunde von Kalkriese, der Grabungsfunde und -befunde und der seiner Meinung nach durch die antiken Schriftsteller zweifelsfrei belegten Anwesenheit des Germanicus bzw. Caecina im Osnabrücker Land. Die ergrabene Mauer, so sie überhaupt von Menschenhand gebaut wurde, diente den Römern des Caecina bei den pontes longi als Schutzwall. Doch habe sich die Altertumswissenschaft bisher nicht bereit gefunden, P. Kehnes Auffassung zu übernehmen. Der Grund dafür liege im Kalkriese-Kartell, das verschwörerisch an der Varusschlacht-Deutung festhalte und gegenteilige Meinungen unterdrücke. Dahinter stehe wiederum das regionale Vermarktungsinteresse des inzwischen auch medial verwerteten Großereignisses „Varusschlacht“. Sollten sich P. Kehnes Vorwürfe bewahrheiten, so hätte er einen von Gefälligkeitsgeschichtsschreibung gedeckten Abgrund von Lokalklüngel und Pfründenwirtschaft aufgetan. Zugleich würde er zu recht die wissenschaftliche Redlichkeit von Fachkollegen und Kollegen benachbarter Disziplinen angezweifelt haben. Von der wissenschaftliche Qualifikation der mit dem Thema befaßten Wissenschaftler hat P. Kehne genaue Vorstellungen: Th. Mommsen wird gönnerhaft als „zwar auch numismatisch versiert“ bezeichnet. Der Numismatiker (F. Berger) datiere nach der „ersten und bislang einzigen Begutachtung“ der Münzen diese voreilig und undifferenziert. Seine Daten seien unzureichend abgesichert und er verstiege sich in seinen Schlußfolgerungen zu völlig überzogener Apodiktik. Keine der die Grabungen leitenden Personen sei qualifiziert. Ressentiments hinderten daran, fachkundige Ausgräber aus Westfalen und dem Rheinland zu gewinnen. Die Ausführungen von R. Jahn seien wertlos und kritikloses Nachschreiben. R. Wiegels verhalte sich unkollegial und unseriös. R. Martini, der den Fundkomplex Kalkriese so wie P. Kehne datiert, ist folglich einer der nun wirklich bedeutenden numismatischen Experten, was P. Kehne gleich an zwei verschiedenen Stellen unterstreicht. Dieses Lob erwarb sich R. Martini mit einer Fehlbeobachtung, wo auf einem Lugdunumas im Museum von Rennes der Gegenstempel TIBAVC vom Gegenstempel VAR überlagert sein soll. Gut beurteilt wird (noch) S. v. Schnurbein als der ausgewiesene provinzialrömische Grabungsexperte, obwohl dieser jüngst schrieb: „ Das seit Generationen gesuchte Schlachtfeld im saltus teutoburgensis bei Kalkriese ... zu lokalisieren, ist nach meiner Überzeugung gut begründet...“ (S. v. Schnurbein, Augustus in Germanien, Amsterdam 2002, S. 8). Kronzeuge von P. Kehnes Bemerkungen ist R. Wolters, den er 33 mal, dabei bis zu 5 mal pro Seite, zitiert. P. Kehne betont zweimal, dass gleiche Beobachtungen von ihm und R. Wolters bezüglich einiger Gegenstempel unabhängig voneinander gemacht worden seien. Umgekehrt zitiert R. Wolters fünfmal P. Kehne (P. Moeller ist der Jungenname von P. Kehne), wobei er einmal dessen Interpretation in seine Argumentation aufnimmt. Bei der sehr dezidierten Beurteilung der Qualifikation von Altertumswissenschaftlern durch P. Kehne fragt es sich, wie es um ihn selbst bestellt ist. Mit der antiken schriftlichen Überlieferung scheint er sich auszukennen. Dagegen stellt er bei allen anderen bisherigen Interpretationen der Kalkriesefunde eine mangelnde Vertrautheit mit den althistorischen Fakten der römischen Germanienpolitik und des römischen Kriegswesens fest. Numismatisch ist P. Kehne noch nicht weiter in Erscheinung getreten, hat sich aber weitreichende Gedanken in der Münzdatierung über eine Verlegung des von F. Berger festgestellten Datums zwischen 7 und 10 n. Chr. in spätere Jahre gemacht. Ebensowenig war er bisher mit archäologischer Grabungen befasst und deren Auswertung befasst. Dennoch kommt er zu der Überlegung, Römer als Erbauer und Verteidiger des Walls anzunehmen, wobei er sich an anderer Stelle widerspricht, wenn er anzweifelt, ob die Wallspuren überhaupt Menschenwerk seien. Bizarr wird es, wenn er eine frühgeschichtliche Kommunikationsbahn in ihrer Bedeutung mit zwei Autobahnen, der A30/A2 (A30 = Hengelo-Bad Oynhausen; A2 = Venlo-Frankfurt/Oder) gleichsetzt. Von den Bodenfunden erwartet P. Kehne, dass sie das bestätigen, was er den antiken Autoren entnommen hat. Recht gewagt ist seine Behauptung, daß durch die schriftlichen Nachrichten die Germanicusfeldzüge für die Osnabrücker Gegend quellenmäßig zweifelsfrei belegt sind. Doch kann die Anwesenheit des Germanicus irgendwo östlich des Rheins jemals quellenmäßig zweifelsfrei belegt werden außer mit seinem Besuch des uns nun durch die Bodenfunde bekannten Ortes der Varusschlacht ? Der Caecina-Bericht bei Tacitus (Ann. 1,64,4), so ist sich P. Kehne sicher, stimmt ungemein genau mit der Kalkrieser-Niewedder Senke überein. Auch die Auseinandersetzung des Germanicus mit dem Arminiusheer nach dem Besuch des Varusschlachtfeldes (Tac. ann. 1,63,1-2) passe ausnehmend gut zu den Gegebenheiten von Kalkriese. So präzise hier Tacitus das Gelände angeblich beschrieben hat, so überspringt er nach P. Kehne an anderer Stelle aus kompositorischen Gründen unwichtige Episoden oder bereitet neue erzählerische Höhepunkte vor. Leider bemerkt man bei P. Kehne gravierende handwerkliche Schwächen. Der Aufsatz von H. Chantraine, in dem so gut wie alle seiner Thesen detailliert widerlegt werden, wird von ihm ausgeblendet. Nicht zitiert, dennoch von P. Kehne im Text erwähnt, ist der Aufsatz von W. Lippek, der seiner Meinung nach die strukturelle Übereinstimmung der Silbermünzen von Haltern und Kalkriese im Hinblick auf den jeweiligen Anteil der sog. Legionsdenare widerlegt. Am Ende fragt es sich, was um alles in der Welt P. Kehne geritten hat, einen derart unqualifizierten Artikel zu schreiben. Dem Projekt Kalkriese zu schaden, war wohl seine ausdrückliche Absicht; viele seiner Bemerkungen dürften aber vornehmlich auf ihn selbst zurückfallen. Es bleibt zu hoffen, dass er nach dieser bedauerlichen Entgleisung wieder auf die Ebene des seriösen Diskurses zurückfindet und sich zu Entschuldigungen durchringt.
Der Ausgewogene Reinhard Wolters, Hermeneutik des Hinterhalts: die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und der Fundplatz von Kalkriese. In: Klio 85, 2003 (Ersch. 2004), S. 131-170. Reinhard Wolters, Professor am Archäologischen Institut der Universität Tübingen, hat zu den Kalkriese-Funde eindeutig Position bezogen (R. Wolters, Varusschlachten – oder: Neues zur Örtlichkeit der Varusschlacht. In: Die Kunde 44, 1993, 167-183). Unzweifelhaft römisch und militärisch, mit größter Sicherheit aus den Jahren um 9 n. Chr., möglicherweise Ausdruck eines Kampfgeschehens, topographisch zur „Varus-Situation“ passend, mit VAR-Gegenstempeln ohne Zweifel nach 6/7 n. Chr. datiert und aufgrund der Fundmünzen auf 10/ 13 n. Chr. eingeengt mit 9 n. Chr. als Fixpunkt. Die Einschätzung als „Nebenschauplatz“ der Ereignisse um Varus gibt er nun auf. Mit literarischen Quellen sei ohnehin keine annähernd ausreichende Lokalisierung zu erreichen. Er warnte davor, überhaupt die literarischen Berichte zu sehr zu pressen. Als wohlwollender Advocatus Diaboli presste R. Wolters doch noch einmal diese Berichte und stellt dann eine gewisse Diskrepanz zwischen dem derzeitigen archäologischen Befund und den literarischen Quellen fest. Ihm gebührt als bislang einzigem Wissenschaftler der Verdienst, ernstzunehmende, wenn auch hauchschwache Zweifel an der Gleichsetzung Kalkriese=Varusschlacht formuliert zu haben. R. Wolters konstatiert, dass der Fundplatz gut und stets aktuell dokumentiert wurde, wobei es eine Detailveröffentlichung bisher nur zu den Münzen gibt. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Zugrichtung des Varusheeres. Hier setzt er sich kritisch mit der Meinung von K. Tausend auseinander, derzufolge sich Varus während des Überfalls in Richtung auf die Weser zu bewegte. In diesem Fall hätte Varus, der Germanen ansichtig geworden, doch sein Heer wenden und sich auf die rückwärtigen Verbindungen verlassen können, wendet R. Wolters ein. Auch die Streuung der Funde vor Ort deute doch recht klar auf eine ost-westliche Bewegungsrichtung hin. Eine Beteiligung der Angrivarier an der Erhebung des Arminius, was die These von K. Tausend stützen würde, könne für die Bestätigung des Feldzugsverlaufs nicht herangezogen werden. Am Anschluß daran erörtert Reinhard Wolters die antiken Nachrichten zum Ort der Varuskatastrophe. Entgegen seiner Grundannahme fragt er, wie Legionen von Autoren vor ihm auch, ob es sich nicht doch um eine differenzierte Beschreibung der Landschaft durch Cassius Dio handele. Eine nächste Überlegung gilt der Wegesituation von Kalkriese. Nicht ohne spätere argumentative Absicht wertet R. Wolters die Bedeutung dieser Kommunikationsbahn auf. Dies wäre ein offen einsehbarer Hauptweg und den Römern nicht unbekannt. Sie hätten am Engpaß immer noch die Möglichkeit des Ausweichens, Rückzugs und der Neuformierung gehabt. Ein Denkmodell, das Reinhard Wolters in den Raum stellt, ist die Verbindung von Kalkriese mit dem Hinterhalt des Caecina bei den pontes longi. Das Gelände, in dem Caecina mit seinen vier Legionen in bedrohliche Situationen kam, wird, so R. Wolters, von Tacitus so beschrieben, dass es mit der Topographie des Fundplatzes Kalkriese in Übereinstimmung gebracht werden kann. Die Germanen kamen bei ihrem Angriff nicht unerwartet aus einem Hinterhalt, sondern wollten die Römer eher in eine anhaltend ungünstige Situation hineindrängen. Caecina reagierte darauf überlegt, flexibel und letztlich erfolgreich, was der einige Jahre zuvor gescheiterte Varus, so der unterschwellige Vorwurf, vermissen ließ. Die Auswertung des Tacitus-Berichts lässt es möglich erscheinen, dass die Rettung des Caecina-Heeres deutlich als Gegenbericht zur Varuskatastrophe verfasst wurde. Hier das kopflose und ungeschickte Verhalten des Varus, das mit der Katastrophe endete, dort das überlegte Verhalten des Caecina, wobei dieser seine vier Legionen rettete. Für den Verlauf der Kalkriese-Schlacht könnte der Wall nach R. Wolters eine Schlüsselrolle gespielt haben. An diesem Wall hat sich ausweislich der hohen Funddichte – die auch mit dem teilweisen Einsturz des Walls zu tun hat – ein besonders intensives Kampfgeschehen abgespielt, vielleicht eine direkte Bestürmung und eine heftige Gegenwehr. Doch sei der Wall in seiner vorgestellten Form für die Germanen, sollten sie sich seiner bedient haben, nur begrenzt von Nutzen gewesen. Rätselhaft sei, was ausgerechnet ein Maultier, dessen Überreste man vor dem Wall fand, hier zu suchen hatte. Grundsätzlich fragt R. Wolters, ob der Wall tatsächlich ein Wall zur Verengung der Passage gewesen sei oder nicht eine andere Funktion hatte. Selbst Römer als Erbauer des Walls möchte er nicht völlig ausschließen. Bei dem wellenförmige Verlauf der ergrabenen Wallspuren und seinem uneinheitliches Erscheinungsbild sollte auch noch mit anderen Erklärungsmöglichkeiten für den Wall gerechnet werden. Wichtig für eine Verbindung von Caecina mit Kalkriese ist die Frage, wo die Trennung der Heeresgruppen des Germanicus erfolgte. Es habe nach erneuter Quellenanalyse eher eine frühere Trennung der Truppen gegeben, so dass Kalkriese als Ort der pontes longi theoretisch in Frage käme. Dies einmal vorausgesetzt, belegen Tierknochen das Vorhandensein eines Trosses und sprächen gegen Varus. Haarnadeln und Fibeln weisen auf weibliche Begleitung des Heeres hin, was für Varus spräche. Das gilt auch für die Knochengruben, wo Germanicus im Jahre 15 n. Chr. am Werk gewesen sein könnte. Die Größe des Fundplatzes und die Menge der Ausrüstungsgegenstände ergeben keine Unterschiede für die Beurteilung ihrer Herkunft. Dies könne der Niederschlag beider Schlachten gewesen sein. Die Caecinaschlacht bei den pontes longi könnte, schon wegen der dabei beteiligten vier Legionen, offenbar ähnlich verlustreich gewesen sein wie die Varusschlacht, so die gewagte Einschätzung. Die numismatische Argumentation bringt bekanntes. Die jüngsten Münzen sind diejenigen mit einem VAR-Gegenstempel, der zwischen Ende 6 und Mitte 9 n. Chr. angebracht worden sein muß, wogegen die ab 10 n. Chr. geprägten Münzen fehlen. Nimmt man den Fundplatz für Caecina in Anspruch, so ist man hier in Erklärungsnot. R. Wolters sagt, dass Edelmetalle schneller zirkulieren und mobiler sind. Schon die kleine Gruppe der seiner Meinung nach 5 n. Chr. geprägten Gaius-Lucius Denare mit dem X fehlten hier. Bei einer Sichtung der Fundverbreitung kann R. Wolters die nächstgelegenen Fundstücke erst in Moers-Asberg und auf dem Martberg/ Mosel nachweisen. Auf die subaeraten Münzen dieses Typs in Kalkriese geht er nicht ein. Beim Kupfer seien die 10-12 in Rom geprägten Bronzen nicht zu erwarten, die diese ohnehin selten im Norden vorkommen, und die ab 13 n. Chr. in großer Menge hergestellten Lugdunum II – Stücke hätten bis 15 n. Chr. auch noch nicht den Weg in die Beutel der Soldaten gefunden. Im Fazit kommt R. Wolters zu einer höchst ausgewogenen Beurteilung der Problematik. Es gebe ein gewisses Gegenüber von literarischen Quellen und archäologischen Quellen. Unter der Voraussetzung, dass die römischen Schriftsteller auf Berichte mit guten Ortskenntnissen des Osnabrücker Landes zurückgreifen konnten, sie eine zuverlässige Detailbeschreibung der Landschaft geben – die freilich vorher nie zur Auffindung irgendeines Kampfplatzes geführt hatte – und dass die Beschreibungen von topischen und erzählerischen Elementen weitgehend frei sind, weiterhin, dass das Fehlen der 10-16 n. Chr. geprägten Münzen darin begründet liegt, dass diese Münzen aufgrund langsamer Ausbreitung noch nicht an den Niederrhein gekommen sein konnten und dass die Caecinaschlacht östlich der Ems stattgefunden hat und sehr verlustreich war, dass die eigentliche Varusschlacht ein unbedeutendes Ereignis ohne größeren Fundniederschlag war, unter diesen Voraussetzungen eröffne sich die Möglichkeit, die Funde von Kalkriese und damit auch das Enddatum von Haltern in die Zeit des Germanicus zu datieren. Akzeptiert man die bisherige Münzdatierung, die mit vielen Gründen und mit Hinblick auf die Funde von Augsburg-Oberhausen einen Fundanfall um 15/ 16 n. Chr. ausschließt, so sei eine Verbindung mit dem Hauptheer des Varus im Jahre 9 n. Chr. äußerst plausibel. In diesem Fall stellte Tacitus die Caecinaepisode bewusst dem Untergang des Varus als positives Beispiel in ähnlicher Situation gegenüber. Der Schilderung des Cassius Dio aber würden die Landschaft, die Funde und die Befunde dennoch nicht ganz entsprechen. Mit diesem ausgewogenen Ergebnis schließt dieser sorgfältige und durchdachte Aufsatz. Eine Entscheidung wollte Reinhard Wolters ohnehin nicht treffen. Er überläßt dem Leser die Einschätzung, wem mehr Gewicht beigemessen werden sollte und wer das Geschehen von Kalkriese authentischer dokumentiert: Die antiken Schriftsteller oder die aktuellen Bodenfunde.
Numismatische Datierung und Schriftquellen Die Datierung der Funde von Kalkriese geschah weitgehend mittels der Fundmünzen. Die numismatische Beweisführung stützt sich auf vier Punkte, die das durch die schriftlichen Quellen genannte Datum belegen. Dagegen sind letztere für die Lokalisierung der Varusschlacht unbrauchbar.
1. Kupfermünzen. Die Kupfermünzen werden als das alltägliche Kleingeld der römischen Soldaten angesehen. In Kalkriese finden sich viele Kupfermünzen mit der Kontermarke VAR, die als „Varus“ gelesen wird. Varus übernahm im Winter 6/7 n. Chr. das Kommando am Rhein. Die als nächstes datierbaren Kupfermünzen, es sind solche der Jahre 10-16 n. Chr., fehlen in Kalkriese. 2. Silbermünzen Die Silberhorte und Denarfunde von Haltern und Kalkriese enden ausweislich ihrer Schlussmünzen, der Gaius/ Luciusdenare, zur gleichen Zeit und haben eine völlig identische Zusammensetzung. Da Haltern nach allgemeiner Ansicht 9 n. Chr. endet, kann dies analog auch für Kalkriese angenommen (nicht behauptet) werden. Die Prägung des Gaius/ Lucius-Typs geschah vermutlich 2-1 v. Chr., die Ausgabe, vielleicht auch fortgesetzte Prägung dieser Münzen, dauerte offenbar noch bis zum Einsetzen des nächsten Denartyps ab 14 oder März 15 n. Chr. 3. Goldmünzen Die Goldmünzen von Kalkriese haben die gleiche Zeitstellung wie die Denare. Die Auffindung von 20 Goldmünzen auf engem Raum fordert eine Erklärung, die auf ein außerordentlichem Umstand hinweist, wie ein Schlachtfeld oder auf eine Besonderheit des Fundplatzes, etwa als Opferstätte. 4. Augsburg Der im Anschluß an Kalkriese sicher datierbare nächste Fundplatz ist Augsburg-Oberhausen. Dort wurden 370 Münzen publiziert, die aus einem Legionslager stammen. Drei Münztypen, die in zusammen fünf Exemplaren vorkommen, datieren später als 10 n. Chr. Es sind dies drei Asse der Serie Lugdunum II (10-14 n. Chr.), ein As des Augustus für Tiberius (12-14 n. Chr.) und ein As des Tiberius selbst (15/16 n. Chr.). Die drei Aufsätze von W. Lippek (S. 249), R. Wolters (S. 168) und P. Kehne (S. 104) zitierten wiederholt die Bemerkung von Berger (Kalkriese1, S. 59), dass die Bargeldbestände eines Soldaten aus den Jahren 9 n. Chr. und 15/16 n. Chr. hinsichtlich der Lugdunumasse zu 99 % identisch seien und daher kaum zu unterscheiden. Um es hier noch einmal zu wiederholen: In Augsburg-Oberhausen datieren fünf von 370 Münzen später als 10 n. Chr. Das bezeichnete F. Berger, rechnerisch nicht ganz korrekt, als 1 %. Hier lägen 99 % aller Münzen vor 10 v. Chr. In Kalkriese sind die später datierten Kupfermünzen unter den 697 Stücken nicht vorhanden. Hier sind 100 % aller Münzen vor 10 n. Chr. Es gibt also einen wohlbegründeten Unterschied zwischen 99 % und 100 %, der von den Fachkollegen berücksichtigt werden sollte. Ein zweites kommt hinzu. In Augsburg-Oberhausen gibt es einen spürbar höheren Anteil an Münzmeisterstücken. (105 Münzmeister; 126 Lugdunum I; 26 Nemausus I/II; 6 ältere Kupfermünzen) Deren Anteil unter den Kupfermünzen erreicht am Rhein erst unter Tiberius seinen Höhepunkt. Der Anteil der Münzmeisterasse ist in tiberischer Zeit ein datierendes Element von Militärplätzen: Um es einfach zu formulieren: je höher ihr Anteil, desto später der Platz. Schriftquellen Den Schriftquellen ist zu verdanken, dass wir eine allgemeine Kenntnis von der Varusschlacht haben und deren Datierung in den Spätsommer des Jahres 9 n. Chr. Der Erkenntniswert der Schriftquellen zur Lokalisierung der Varusschlacht und der Germanicusunternehmungen hingegen ist nahe Null. Irgendwelche Kampfstätten konnten bis 1987 mittels der Schriftquellen nicht ermittelt werden. Was diesen zu entnehmen war, ist nur die Einordnung des Geschehens in größere politische und geographische Zusammenhänge, also daß sich militärische Ereignisse vor allem in den Jahren 9 sowie 15/16 n. Chr. zwischen Rhein und Weser abspielten. Dem entgegen steht die Riesenmenge der Varus- und Arminiusforschung. Worte wie „saltus“, „haud procul“ oder „Aliso“ wurden unendlich viel strapaziert. Das Auspressen schriftlicher Quellen hat in der vorliegenden Frage nachweislich trotz größten Scharfsinns zu kaum etwas geführt. Heute, da mittels der Münzen und Bodenfunde die Ereignisse jener Zeit dank der gefundenen Münzen topographisch und chronologisch eingeordnet werden können, melden sich Althistoriker vernehmlich zu Wort. Peter Kehne stellt jetzt fest, dass die Anwesenheit des Germanicus bzw. Caecina im Osnabrücker Land zweifelsfrei belegt ist. Reinhard Wolters formuliert differenzierter, daß das Gelände, in dem Caecina mit seinen vier Legionen in bedrohliche Situationen kam, von Tacitus so beschrieben wurde, dass es mit der Topographie des Fundplatzes Kalkriese in Übereinstimmung gebracht werden könnte. Während die schriftlichen Quellen arg überstrapaziert wurden und kaum noch Neues erbringen, beweisen die römischen Fundmünzen von Neuem ihre Bedeutung. Hinweise auf neue Münzfunde an der Stelle älterer Münzfunde führten zur Entdeckung neuer römischer Anlagen der Zeit des Augustus bei Oberbrechen in Hessen und bei Hedemünden in Niedersachsen. In beiden Fällen kam es zu Grabungen, deren Resultate unsere Kenntnisse im Umfeld der Varusschlacht im Gebiet von Rhein und Weser deutlich erweitern dürften. Quelle: Numismatisches Nachrichtenblattt 53. Jahrgang 2004, S. 267-273.
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