Unter diesem Titel erhielt ich im Herbst 2004 ein Papier unseres FAN-Mitglieds Dr.-Ing. Horst Leiermann, in dem er – gestützt auf Velleius Paterculus, Historiae Romanae, II,106 –die These aufstellt, Tiberius habe im Jahre 5 n.Chr. bei seinem Vorstoß nach Germanien hinein über die Elbe hinaus die Oder erreicht und sich dort mit seiner Flotte, die zuvor Jütland umrandet hatte, getroffen. Diese These erschien mir viel zu kühn, passte sie doch überhaupt nicht in das Bild, das ich vom Feldherrn Tiberius (in Germanien) hatte: Anders als sein Bruder Drusus vor ihm legte Tiberius seine militärischen Operationen mit großer Besonnenheit und sorgfältiger Planung an; begleitend dazu hatte er auch ein politisches Konzept, das das Hinausschieben der römischen Reichsgrenze bis zur Elbe langfristig sichern sollte. Das Wagnis, seine Flotte dem Risiko einer Fahrt um Skagen herum auszusetzen, ohne sicher zu sein, dass sie die Oder erreichte, wäre Tiberius niemals eingegangen. Dazu lag sein eigentliches Operationsziel im Süden: die Zerschlagung des Markomannenreiches unter Marbod. Aus diesem Grunde habe ich mir den Velleius-Text genauer angesehen und untersucht, ob dieser sich im Sinne Dr. Leiermanns interpretieren ließe. Ergeben hat sich daraus eine kontrovers geführte Diskussion, deren Ergebnis Interessierte synoptisch im Anhang zu diesem Text nachlesen können. Hier sei nur soviel gesagt: Zwar nicht nur, aber m.E. im Wesentlichen stützt die These Dr. Leiermanns sich auf zwei Angaben des Velleius: a) die Entfernungsangabe von 400 Meilen (ca. 600 Km; vom Rhein aus gemessen) für den Vorstoß des Tiberius und b) dass die Flotte „mehrere Kaps“ (sinus) auf einem „mare incognitum“ umrundete. In Luftlinie gemessen, ist tatsächlich nicht die Elbe, sondern die Oder 600 km vom Rhein bei Köln/Xanten entfernt, doch ist wohl nicht die Luftlinie, sondern eher die zurückgelegte Marschstrecke des Heeres gemeint. Mit der Formulierung „sinus circumnavigaverat“ ist nicht mehr gesagt, als dass die Flotte der gewundenen Küstenlinie der Nordsee – östlich der Wesermündung einem noch unbekannten Meer – folgte. Ich halte es nicht für möglich, aus dem Velleius-Text, die These abzuleiten, Tiberius habe die Elbe überschritten und ebenso wie seine Flotte die Oder erreicht. Doch hat Dr.Leiermann mit seiner These zumindest mich daran erinnert, dass sich der Feldzug des Tiberius zum 2000. Male jährt. Vielleicht ein Anlass, sich mit ihm in diesem Jahr näher zu befassen!
Leiermann - Synopse [15 KB]
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Wilfried Haase
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Tiberius
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