Eine Rekonstruktion altsächsischer Glasperlen

Das altsächsische Gräberfeld von Issendorf, Ldkr. Stade, Niedersachsen, wurde unter anderem mit 82 Körperbestattungen des ausgehenden 4.Jahrhunderts bis ins 2.Drittel des 6. Jahrhunderts n. Chr. von Dr. Hans-Jürgen Häßler (Landesmuseum Niedersachsen) freigelegt.

Die im Jahre 2002 erschienene Publikation aus der Reihe Studien zur Sachsenforschung "Das sächsische Gräberfeld von Issendorf, Ldkr.Stade, Niedersachsen - Die Körpergräber" von Hans-Jürgen Häßler wurde genutzt, um die Grabbeigaben in Form von Glasperlen aus einem bestimmten Körpergrab zu rekonstruieren.

Torben Behrens, Hannover, stellte in Zusammenarbeit mit Bernd Günther (AG Sachsenforschung) die Glasperlen einzeln nach einem Grabungsbefund zusammen.

Bei den rekonstruierten Glasperlen handelt es sich um die Beigaben aus dem Körpergrab 3547, bei welchem es sich nach Interpretation des Buchverfassers um ein Begräbnis eines ca. 6 - 8 Jahre alten Mädchens in einem Kastensarg handelt.

Zur Rekonstruktion wurden die Fundskizzen und Beschreibungen in punkto Größe, Farbe, Form und Verzierung herangezogen. Lediglich die Bernsteinperle (No.1 auf dem Foto) wurde in rötlichbraunem Glas nachempfunden. Bei der vierblättrigen Doppelperle (No. 2) könnte es sich theoretisch auch um die versehentliche Verklebung zweier Einzelperlen handeln, die bei der gleichzeitigen Herstellung zu dicht auf dem Träger angebracht waren.




Sächsische Glasperlen (Rekonstruktion) - hergestellt von Torben Behrens, Hannover, nach einem Grabungsfund von Issendorf, Ldkr. Stade, Niedersachsen - zur Vergrößerung anklicken -

Wenn man heute ausgegrabene Glasperlen in einer Museumsvitrine betrachtet, erscheinen sie häufig stumpf und die Farben leuchten nicht mehr. Dieses Phänomen wird durch die Glaskorrosion von Bestandteilen des Wassers und der umgebenden Erde hervorgerufen. Da man früher auch nur Schmelztemperaturen bis ca. 1200 Grad erreichen konnte, war die Zusammensetzung des Glases etwas anders als in unserer Zeit. Heutige Glassorten werden bei ca. 1400 Grad geschmolzen und haben Beimengungen, die einer Glaskorrosion vorbeugen. Je nach Fundlage gibt es aber durchaus auch Glasperlen, die ihren alten Glanz und die leuchtenden Farben aus früheren Tagen beibehalten haben, so z.B. aus der Ausgrabung des sächsischen Gräberfeldes von Immenbeck (Buxtehude). Die Qualität der Farben und der Durchsichtigkeit ist stark abhängig von den begleitenden Fundumständen (Wassergehalt des Bodens, Säuregehalt ggf. z.B. neuzeitliche Überdüngung, Zusammensetzung der Erde).




Glaskorrosion bei einer Fundperle Typische "Erblindung" durch Glaskorrosion bei einer Glasperle von Lundsgård (Dänemark).

Mit der Glasarbeit von T.Behrens wollen wir einmal aufzeigen, dass archäologische Befunde heute auch mit etwas Mühe und handwerklicher Fähigkeit jederzeit wieder hergestellt werden können. Wichtig dabei ist und bleibt die Verwendung alter Handwerkstechniken und Materialien. Diese Rekonstruktionen können z.B. dafür verwendet werden, um lebendige Geschichtsdarstellung (lebendige experimentelle Archäologie) einem interessierten Publikum zugänglich zu machen oder Museumsausstellungen zu beleben.

Bernd Günther (2005)




Herstellung am offenen Feuer Eine Glasperle entsteht nach alter Handwerksart (Foto: T.Behrens).