Im Verlauf der im Jahr 2000 durchgeführten Grabungsarbeiten entdeckten Mitarbeiter des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege ein bislang einzigartiges, SW-NO-ausgerichtetes Holzkammergrab, in dem ein hochrangiger Krieger bestattet wurde. In die Grabgrube wurde anstatt eines Sarges eine 2,60 m lange und 1,30 m breite Holzkammer eingelassen. Den nur noch als Verfärbungen erhaltenen Holzresten konnten nur bedingt Hinweise zur Konstruktion der Holzkammer entnommen werden. So waren die Seitenwände vermutlich aus mehreren Brettern aufgebaut, die Ecken des Kastens wurden durch stärkere Brettern ausgesteift. Die Seiten müssen miteinander verzapft gewesen sein, da keine Metallstifte o.ä. vorgefunden wurden. Das Skelett war zum Teil nur noch als Leichenschatten erhalten.
Abbildung 1 zeigt das west-ost-ausgerichtete Holzkammergrab mit Blick nach Norden. Die rechteckige Verfärbung der Holzkammer ist gut zu erkennen. Die ungestörte Lage der Fundstücke zum Skelett gibt wertvolle Hinweise zur Tracht des Toten.




Holzkammergrab Abb.1 - (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Lauxtermann)

Dem Toten wurden in einer bisher auf diesem Fundplatz außergewöhnlichen Reichhaltigkeit Waffen beigegeben. Nicht alle Fundstücke befanden sich in unmittelbarer Nähe des Toten: Eine Lanzenspitze war außerhalb der Holzkammer an die Grabgrubenwand gelehnt worden. An der linken Seite des Verstorbenen lag ein Sax, der ebenso wie ein Messer zu einem Schwertgehänge gehörte, das mit einer eisernen Schnalle geschlossen wurde. Reste der ledernen Gürteltasche haben sich im Kontakt mit einer bronzenen Pinzette, dem Taschengriff und einer Schnalle erhalten. Auf den Unterschenkeln war der mit Silbernieten verzierte Schild abgelegt. Der Schildbuckel und die an der Rückseite des Holzes festgenieteten Schildfesseln haben sich ebenfalls gut erhalten.
Abbildung 2 zeigt ein Detail des Beckenbereichs. Einige Fundstücke und Teile des Skeletts sind bereits gehärtet und weisen einen weißlichen Überzug auf. Beide Arme und die Wirbelsäule verlaufen zum linken Bildrand hin. Auf der rechten Seite des Toten liegt direkt neben der Wirbelsäule die Gürtelschnalle, etwas weiter im Bauchraum das Messer. Der Sax wurde direkt am linken Oberschenkel deponiert. Im Beckenbereich sind nur Teile der Gürteltasche freigelegt, die Schnalle und die Pinzette sind auf dieser Abbildung noch mit Erdreich bedeckt. Am rechten Bildrand sind die Unterschenkelknochen und der daraufliegende Schild mit einigen Silbernieten zu erkennen.




Detail des Beckenbereichs Abb.2 - (Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Lauxtermann).

Abbildung 3: Das Holz und der Lederüberzug des Schildes haben sich im Bereich des Schildbuckels in größeren Mengen erhalten (Bildmitte). Weitere organische Reste dürften aber auch im Kontakt mit den Silbernieten zu erwarten sein. Die Form des Schildes ist anhand der Verfärbung nicht mehr auszumachen.
Da dieser Befund auf dem spätsächsischen Gräberfeld in Rullstorf bisher einmalig ist, wurde noch vor dem Erreichen der Fundschicht beschlossen, einen Lackabzug dieses Grabes herstellen zu lassen. Das Exponat kann im Vortragssaal des NLD besichtigt werden.

Britta Lauxtermann




Schild Abb. 3 - ( Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Lauxtermann).